Kaum ein Wort ist derzeit so schlecht gelaunt wie „Grenze“. Es klingt nach Kontrolle, Abweisung, Schlagbaum und dem Ende einer Zuständigkeit. Dabei steckt im lateinischen con-finis eine freundlichere Vorstellung: der gemeinsame Rand, jener Punkt, an dem das Eigene nicht aufhört, sondern auf etwas anderes trifft. Genau dort setzt das Lake Como Design Festival 2026 an. Seine achte Ausgabe trägt den Titel Border und macht vom 12. bis 20. September aus einer Trennlinie ein ziemlich produktives Gelände.
Das Festival bleibt diesem Gedanken nicht nur in seinen Ausstellungstexten treu. Erstmals verlässt es Como und das unmittelbare Ufer des Sees, um mehrere Schauplätze in Lecco einzubeziehen. Die Geografie wird damit selbst zum kuratorischen Mittel. Was bisher auf eine Stadt und ihre berühmte Kulisse konzentriert war, dehnt sich über kommunale Grenzen und akademische Disziplinen aus. Design soll hier nicht nur aus schönen Objekten in schönen Villen bestehen. Davon gibt es weiterhin einige. Doch in diesem Jahr bekommen selbst die prächtigsten Adressen intellektuelle Konkurrenz.

Die Villa del Grumello und ihr Park gehören erneut zu den wichtigsten Stationen. Im Inneren untersucht Future in the Past, was Archive leisten können, wenn sie nicht bloß ehrfürchtig verwaltet werden. Lupo Borgonovo entwickelt großformatige Zeichnungen aus den Formen eurasischer Gürtelschnallen. Nicolò Spinelli und die traditionsreiche Medaer Holzwerkstatt Simonetto greifen mit einer von Elisa Ossino entworfenen Verkleidung aus Eukalyptusholz in die historische Architektur ein. Die brasilianische Manufaktur Etel widmet Lina Bo Bardi eine Präsentation ihrer Möbel, darunter Carrinho de Chá und Cadeira de Balanço.
Reizvoll wird das Verhältnis von Mode, Kunst und Produktion im Archiv von Carla Badiali. Zeichnungen aus ihren Arbeiten für Hubert de Givenchy und Pierre Balmain zeigen, wie künstlerische Entwürfe auf die technischen Bedingungen des Textildrucks reagieren mussten. Hinzu kommt ein 1948 von Paolo Buffa entworfener Barschrank, dessen Gravuren an die im Zweiten Weltkrieg zerstörten Dekorationen Andrea Appianis im Mailänder Palazzo Reale erinnern. Das Archiv erscheint hier nicht als Friedhof schöner Dinge, sondern als Materiallager für ungeklärte Gegenwart.
Draußen im Park verschiebt Nella Natura: storie di chi ha scelto un’altra vita den Blick vom Objekt zum Lebensentwurf. Die von Paola Manfredi kuratierte Ausstellung folgt mit Fotografien von Selene Magnolia Gatti sechs Menschen, die zwischen Stadt und Wildnis leben. Statt Aussteigerromantik zu verbreiten, wirft sie praktische Fragen auf: Wie viel Komfort ist notwendig, welche Abhängigkeiten verschwinden und welche entstehen neu? Die Bilder sind vom 13. bis 20. September zu sehen.

Eine weitere Lesart des Dazwischens zeigt die Contemporary Design Selection. Die Gruppenausstellung zieht erstmals in die neoklassizistische Villa Saporiti, deren elliptischer Salon bereits beweist, dass auch historische Architektur nicht immer rechte Winkel braucht. Kuratiert wird die Auswahl zum vierten Mal von Giovanna Massoni, die Leitung übernimmt Francesca Prandelli. Mehr als 50 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus rund 30 Ländern arbeiten mit klassischen Werkstoffen, Restmaterialien und Biomaterialien. Manche Objekte wechseln ihre Funktion, andere kombinieren alte Handwerkstechniken mit neuen Technologien oder fragen, wem Design eigentlich dienen soll. Bei einer derart großen Auswahl wird nicht jedes Stück gleich stark sein. Eine offene Bestandsaufnahme darf schließlich Widerspruch produzieren.






In der ehemaligen Kirche Santa Caterina wird der Titel Fine Comune beinahe körperlich. Unter der kreativen Leitung von Ultrapresent Studio versammelt Nomade monochrome Skulpturen aus Beton und Metall von Luca Monterastelli, das modulare Sitzsystem Free System von Acerbis, Arbeiten der Movimento Gallery und handgefertigte Teppiche von cc-tapis. Wo früher der Blick automatisch nach oben gelenkt wurde, entsteht eine horizontale Anordnung für Gespräche und gemeinsames Sitzen. Das Sakrale wird nicht entfernt, sondern auf Bodenniveau gebracht. Selten hat ein Sofa eine so diplomatische Aufgabe bekommen.
Die neue Zusammenarbeit mit den Hochschulen der Region bewahrt das Thema vor rein ästhetischer Behandlung. Im Conservatorio di Como entwickelt Ultrapresent Studio mit Studierenden der elektronischen Musik Atto Puro. Im Zentrum steht das 2025 entworfene Audiosystem Cosmos, auf dem eine Komposition von Giusto Pio erklingt, die Ende der Siebzigerjahre von Franco Battiato produziert wurde. Studierende proben, das Publikum hört zu, die Installation bleibt in Bewegung.
Deutlich politischer wird das Programm in Lecco. Oltre al Vedere übersetzt Design für blinde und sehbehinderte Menschen in Audio, Berührung und geführte Sinneseindrücke. Vorgestellt wird unter anderem eine taktil und akustisch erfahrbare Version von Vico Magistrettis berühmter Leuchte Eclisse. Das Projekt der Cultura Meccanica des Politecnico di Milano entstand in Zusammenarbeit mit der italienischen Vereinigung für Sehbehinderte. Es behandelt Barrierefreiheit nicht als nachträgliche Serviceleistung, sondern als Entwurfsaufgabe. Ausgerechnet eine Lampe, also ein Objekt für Licht, wird damit unabhängig vom Sehen zugänglich.
Ebenfalls am Politecnico in Lecco widmet sich Unstable Borders den Alpen als Landschaft in permanenter Veränderung. Modelle, Bilder und fortlaufend aktualisierte Daten machen Hangrutsche und geologische Bewegungen sichtbar, die dem menschlichen Auge meist entgehen. Die Berge erscheinen nicht länger als verlässliche Postkartenkulisse, sondern als lebendige Körper. Design wird hier nicht zum problemlösenden Universalgenie erklärt. Es liefert Geräte, Bilder und Objekte, mit denen man sich genauer fragen lässt.
Zum Programm gehören außerdem Eterno Femminino über weibliche Archetypen und Stereotype, die Ausstellung über Ico Parisi und Giuliano Collina, Alberto Granatas fotografische Gente di Confine sowie After Evidence mit forensischem Bildmaterial. Besuche in Ateliers, Galerien und Archiven sowie eine Tour durch das rationalistische Como ergänzen die Ausstellungen. Wer nur wegen des Sees anreist, könnte also aus Versehen etwas lernen.
Die überzeugendste Entscheidung dieser achten Ausgabe ist keine einzelne Ausstellung, sondern die veränderte Landkarte. Ein Festival über Grenzen wäre unglaubwürdig, wenn es die eigenen nicht überschritte. Como und Lecco werden für neun Tage zu Nachbarn in derselben Sache. Manchmal beginnt gutes Design eben nicht mit einem neuen Stuhl, sondern damit, die Karte neu zu falten.

