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Italien in 15 Farben

Italien lässt sich vermessen. In Kilometern, Höhenmetern, Küstenlinien. Schwieriger wird es bei der Frage, welche Farbe das Land eigentlich hat. Weiß, wie die Scala dei Turchi? Terrakotta wie ein frisch gepflügter Hügel in der Toskana? Dunkel wie erkaltete Lava am Ätna? Grün wie ein Tal im Trentino oder blau wie das Ligurische Meer? Vermutlich liegt das Interessante gerade darin, dass Italien sich jeder eindeutigen Farbkarte verweigert. Ein Land, das schon geografisch aussieht, als hätte jemand beim Zeichnen die Regeln ignoriert, besitzt auch ästhetisch wenig Talent zur Einheitlichkeit. Genau diese Vielstimmigkeit beschäftigt Matteo Thun und Benedetto Fasciana in ihrer Zusammenarbeit mit Florim. Mit SensiColore und SensiEtna wird ein Projekt fortgesetzt, das mit Sensi und später SensiTerre begonnen hat: Oberflächen nicht als neutrale Kulisse für Architektur zu behandeln, sondern als Material mit Herkunft, Erinnerung und eigener physischer Präsenz. Farbe, Ton und Lavastein werden dabei weniger dekoriert als untersucht. Das klingt zunächst beinahe archäologisch. Tatsächlich entsteht daraus eine ziemlich zeitgemäße Frage: Wie viel Natur lässt sich industriell herstellen, ohne dass sie anschließend wie eine Simulation von Natur aussieht?

Dass ausgerechnet Matteo Thun diese Frage verfolgt, besitzt eine gewisse historische Pointe. Der in Südtirol geborene Architekt und Designer studierte bei Oskar Kokoschka und Emilio Vedova in Salzburg, anschließend Architektur in Florenz und gehörte 1981 gemeinsam mit Ettore Sottsass zu den Gründern von Memphis. Jener Gruppe also, die mit Laminat, grellen Farben, geometrischen Kapriolen und ziemlich viel Lust am Regelbruch das bürgerliche Verständnis von gutem Geschmack durcheinanderbrachte. Seit 1984 arbeitet Thun mit eigenem Studio in Mailand. Benedetto Fasciana kam 2014 zu Matteo Thun & Partners; seine Erfahrung mit Keramikkunst, Interior- und Produktdesign bildet eine interessante Ergänzung zu Thuns langer Beschäftigung mit Material und Architektur. Bei SensiColore wird daraus eine Art chromatische Kartografie Italiens. Ausgangspunkt ist nicht die klassische Farbfächerlogik der Innenarchitektur, sondern Landschaft. Fünf Farbgruppen und insgesamt 15 natürliche Töne übersetzen Regionen, Lichtverhältnisse und geologische Besonderheiten in Feinsteinzeug. Die Reise beginnt im Süden mit dem Kreideweiß der sizilianischen Scala dei Turchi und den hellen Elfenbeintönen sardischer Strände. Weiter nördlich tauchen Ziegelrosa und Orange-Ocker auf, Farben von Erde und spätem Sonnenlicht zwischen Toskana und Marken. In der Emilia werden sie dunkler und erdiger, in den Abruzzen kommen tiefes Braun und Amaranth hinzu. Veneto und Trentino liefern Grün, Piemont und Ligurien schließlich Blau und Türkis.

Man könnte das schnell als Postkarten-Italien abtun. Sonne, Meer, Hügel, fertig ist die mediterrane Farbpalette. Doch interessant wird SensiColore dort, wo die Landschaft nicht illustriert, sondern abstrahiert wird. Niemand bekommt einen Sonnenuntergang auf die Wand gedruckt. Übrig bleiben Farbstimmungen, die ohne offensichtliches Landschaftszitat funktionieren. Italien wird auf Pigment reduziert. Als gedankliche Referenz taucht Goethe auf, genauer seine Italienische Reise. Das ist zunächst ein erstaunlich großer kultureller Bogen für eine keramische Oberfläche. Doch der Vergleich funktioniert, wenn man Goethe weniger als Denkmal der deutschen Literatur und stärker als obsessiven Beobachter betrachtet. Italien interessierte ihn für Licht, Gestein, Pflanzen, Architektur und Farbe. Wahrnehmung war eine Erkenntnismethode. SensiColore übersetzt etwas davon in ein Materialsystem: Landschaft wird nicht abgebildet, sondern über ihre Farbwerte erinnert.

Entscheidend ist dabei die Oberfläche. Das Feinsteinzeug erhält eine präzise Dekoration, die mit bewusst unregelmäßigen Aquarelleffekten kombiniert wird. Farbige Massenmischungen sorgen für chromatische Kontinuität, während wolkige Muster und Sprenkel an historische Langbrandverfahren in Tunnel- und Muffelöfen erinnern. Damals entstanden solche Unregelmäßigkeiten durch Oxidationsprozesse des Biskuits; heute werden ihre visuellen Eigenschaften technologisch rekonstruiert. Gerade dieser kontrollierte Kontrollverlust macht die Sache interessant. Perfekte industrielle Wiederholung wäre problemlos möglich. Stattdessen wird die kleine Abweichung kultiviert. Auch die Formate spielen damit. Neben größeren Anwendungen gibt es kleine Fliesen von 5,7 × 23,2 Zentimetern und 11,6 × 11,6 Zentimetern. Ihre zahlreichen grafischen Varianten erzeugen Flächen, die nicht wie eine einzige reproduzierte Textur wirken. Das Auge entdeckt Unterschiede, Licht verändert einzelne Partien, und aus einem seriell gefertigten Produkt entsteht eine Oberfläche mit einem gewissen Rhythmus. Die Fliese, jahrzehntelang zum möglichst unsichtbaren Funktionsmaterial degradiert, darf plötzlich wieder als einzelnes Element erkennbar sein.

Bei SensiEtna verschiebt sich die Perspektive radikal. Farbe beginnt hier nicht am Himmel oder in einer Landschaft, sondern tief unter der Erde. Im Zentrum steht echter Lavastein vom Ätna – ein Material, dessen Entstehung sich kaum weiter vom üblichen Interior-Zyklus aus Moodboard, Produktion und Saison entfernen könnte. Vulkanisches Gestein braucht keine Trendprognose. Es war schon da, bevor jemand „New Neutrals“ auf eine Präsentationsfolie schreiben konnte. Für das Projekt arbeiten Florim und Matteo Thun & Partners mit Nerosicilia zusammen, einem italienischen Spezialisten für die Verarbeitung natürlicher Oberflächen. Lavastein und die im Vulkan vorkommenden Mineralien erzeugen unterschiedliche Farbwirkungen und Strukturen. Als visuelle Referenz dient unter anderem die poröse äußere Schicht vulkanischen Gesteins, die sogenannte Scoria. Die Materialität bleibt entsprechend präsent: nicht glattgebügelt, nicht auf elegante Steinoptik reduziert, sondern rau, mineralisch und stellenweise beinahe archaisch.

Noch spannender ist, woher das Material kommt. Für SensiEtna werden Lavasteinreste lokaler Produktionsstätten zurückgewonnen und weiterverarbeitet. Hinzu kommt recyceltes Glas, das als dekoratives Element auf die Oberfläche gebracht wird. Die Verbindung erzeugt Farbe und Reflexion, ohne den Charakter des Steins zu verdecken. Das Ausgangsmaterial muss also nicht erst für die Kollektion aus dem Berg geschnitten werden; verwendet wird, was in bestehenden Produktionsprozessen übrig bleibt. Die Palette folgt dem Lebenszyklus der Lava. Weiß erinnert an extreme Temperaturen, bei denen es hell glüht, Schwarz an erstarrtes Vulkangestein. Gelb und Dunkelrot setzen kräftigere Akzente dazwischen. Das Prinzip ist bemerkenswert einfach: Farbe wird nicht nach Saison zusammengestellt, sondern aus dem Material selbst entwickelt. Dadurch besitzt sie eine innere Logik, die über Geschmack hinausgeht.

Drei Oberflächen treiben diese Idee weiter: Bugnato, Crosta und Rigatino. Bugnato arbeitet mit skulpturaler Unregelmäßigkeit und Lichtreflexen, Crosta betont eine rohe, natürliche Struktur, Rigatino ordnet die Fläche über ein präzises rhythmisches Muster. Dazu kommen kleinere Formate von 10 × 40, 10 × 10 und 20 × 20 Zentimetern. Ihre Dimensionen ergeben sich auch aus der Wiederverwertung größerer Platten. Was normalerweise als Einschränkung der Resteverwertung gelten könnte, wird damit zum Gestaltungsprinzip. Diese Logik war bereits bei SensiTerre angelegt. Die Kollektion entstand rund um das zehnjährige Jubiläum der Terrakotta-Vasen Venere Bianca, die Thun und Fasciana gemeinsam mit Bitossi entwickelt hatten. Deren handwerkliche Oberflächen – Gazeabdrücke, Kammzüge und Gravuren – wurden zum Ausgangspunkt für eine architektonische Übersetzung von Ton. Aus dem einzelnen Gefäß wurde Fläche, aus der Spur einer Hand ein industriell reproduzierbares Relief. Sechs erdige Farben und Oberflächen wie Naturale, Grana, Cannettato und Rigatino untersuchen dabei, wie viel von der keramischen Tradition in einem zeitgenössischen Produktionsprozess erhalten bleiben kann.

Besonders schön ist die historische Schleife der Oberfläche Grana. Sie nimmt Bezug auf cocciopesto, jenes Material aus zerkleinerten Ziegelstücken und Kalkmörtel, das bereits die Römer für wasserbeständige Böden und Wände verwendeten. Hightech-Keramik des 21. Jahrhunderts schaut also zurück auf eine Bautechnik, die Jahrtausende alt ist. Fortschritt verläuft offenbar nicht immer geradeaus. Manchmal macht er einen ziemlich eleganten Umweg über Rom. SensiColore, SensiEtna und SensiTerre lassen sich deshalb weniger als drei isolierte Kollektionen lesen denn als fortlaufende Materialstudie. Erde wird zu Farbe, Ton zu Relief, Lava zu Architektur. Das Handwerkliche dient dabei nicht als nostalgische Folklore, während Technologie nicht demonstrativ nach Zukunft aussehen muss. Beide treffen sich dort, wo die Oberfläche beginnt.

Vielleicht ist das die eigentliche Qualität dieser Zusammenarbeit. In einer Interior-Welt, die Materialien gerne zu austauschbaren „Looks“ erklärt – Steinlook, Betonlook, Holzlook –, wird plötzlich wieder wichtig, wo etwas herkommt, wie es sich verändert und warum es genau diese Farbe besitzt. SensiEtna braucht keine künstliche Geschichte über Ursprünglichkeit: Unter seiner Oberfläche steckt tatsächlich ein Vulkan. SensiColore wiederum macht aus Italien keinen dekorativen Sehnsuchtsort, sondern ein Archiv von Licht und Pigmenten.

Am Ende führt das zurück zur scheinbar simplen Frage nach der Farbe Italiens. Eine Antwort gibt es weiterhin nicht. Zum Glück. Es gibt Kreideweiß, Elfenbein, Ziegelrosa, Ocker, Braun, Amaranth, Grün, Blau und Türkis; dazu das Schwarz erkalteter Lava und jene erdigen Töne, die schon römische Baumeister kannten. Italien passt nicht auf eine Farbkarte. Aber erstaunlich viel davon passt inzwischen auf eine Wand. Weitere Informationen unter Florim

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