Auf Islay gehören Rauch nicht automatisch zu einem Brand, schlechtes Wetter nicht unbedingt zu einem schlechten Tag und eine ausgediente Brennblase offenbar nicht auf den Schrott. Sie kann auch an einer Hotelrezeption landen. Die schottische Insel vor der Westküste des Landes besitzt eine bemerkenswerte Begabung, aus Dingen, die anderswo eher spröde wirken würden – Torf, Wind, dunklem Wasser, alten Steinen –, eine ziemlich verführerische Welt zu bauen. Dass ausgerechnet hier eines der eigenwilligeren neuen Boutiquehotels Schottlands entstanden ist, wirkt deshalb fast logisch. Das Ardbeg House, im Herbst 2025 im ehemaligen Islay Hotel eröffnet, macht aus dieser Welt allerdings keine folkloristische Kulisse. Zwölf Zimmer gibt es, keines gleicht dem anderen. Das Russell Sage Studio entwickelte gemeinsam mit mehr als 20 schottischen Kunsthandwerkern ein Interieur, das tief in der Geschichte und den Geschichten der Insel gräbt. Schmuggler kommen darin ebenso vor wie Wikinger, Meereswesen, raue Küsten und jener geheimnisvolle „Islay-gator“, dessen Existenz vermutlich ähnlich zuverlässig dokumentiert ist wie die vieler guter Legenden.


Im Hintergrund steht eine Institution, die auf Islay ohnehin kaum zu übersehen ist: die Ardbeg Distillery. Seit mehr als 200 Jahren wird hier Whisky produziert; die Brennerei gehört heute zu den international bekanntesten Vertretern der Insel. Das Hotel übersetzt diese Vergangenheit nicht in die übliche Kombination aus schweren Ledersesseln, Tartan und dekorativ aufgestellten Fässern. Stattdessen werden einzelne Elemente beinahe surreal überhöht. An der Rezeption steht ein großes „A“, geschmiedet aus einer ausrangierten Whisky-Brennblase. Über der Islay Bar hängt ein bootsförmiger Kronleuchter aus grünen Ardbeg-Flaschen. Recycling kann erstaunlich glamourös aussehen. Dazwischen tauchen Materialien, Farben und Oberflächen auf, die weniger an eine klassische Whisky-Lounge als an die Insel selbst erinnern. Stein, dunkle Töne, natürliche Texturen und handwerklich bearbeitete Details zitieren Geologie und Klima, ohne daraus ein Themenhotel zu machen. Das ist ein wichtiger Unterschied. Ardbeg House erzählt nicht permanent, dass es sich in Schottland befindet. Es lässt Schottland in seinen Räumen passieren.





Besonders interessant wird das dort, wo Hotelgestaltung normalerweise zur sicheren Zone wird: im Badezimmer. Gerade in der gehobenen Hotellerie sehen Bäder erstaunlich häufig so aus, als seien sie unabhängig von Ort, Gebäude und Geschichte bestellt worden. Viel heller Stein, etwas Chrom, eine große Dusche – fertig ist die internationale Komfortzone zwischen Zürich, Dubai und den Malediven. Im Ardbeg House funktioniert das nicht. Die zwölf Bäder gehören zur Dramaturgie der Zimmer und müssen deshalb deren unterschiedliche Geschichten mittragen. Marmor trifft hier auf dunkle Flächen, kräftige Kontraste auf präzise Geometrien. Badewannen und Duschflächen stammen von Kaldewei und wurden in Warm Grey sowie Schwarz matt eingesetzt. Eine vernünftige Entscheidung, denn noch mehr Dekoration hätten diese Räume kaum gebraucht. Die klare Form der Elemente übernimmt stattdessen eine fast architektonische Funktion: Sie bringt Ruhe in ein Interieur, das an anderer Stelle durchaus Freude an Übertreibung zeigt. Gerade dieser Kontrast macht die Bäder bemerkenswert. Ein Raum muss nicht jeden Gedanken seines Umfelds weitererzählen. Manchmal ist es klüger, ihm etwas entgegenzusetzen. Wo Flaschen zu Kronleuchtern und Whiskygeschichten zu räumlichen Fantasien werden, darf eine Badewanne einfach eine sehr gute Badewanne sein.


Gefertigt sind die eingesetzten Modelle aus Stahl-Emaille, einem Verbund aus Stahl und Glas. Für Hotels ist das weniger nebensächlich, als es zunächst klingt. Oberflächen werden dort täglich gereinigt, ständig benutzt und erheblich stärker beansprucht als im privaten Badezimmer. Die gläserne Oberfläche ist widerstandsfähig gegen Kratzer, Stöße und Temperaturschwankungen; zugleich bleibt sie hygienisch und pflegeleicht. Was im Showroom nach Materialästhetik klingt, wird im Hotelbetrieb ziemlich schnell zur wirtschaftlichen Frage. Hinzu kommt die Lebensdauer. In einer Branche, die gern über Nachhaltigkeit spricht und gleichzeitig Interiors in erstaunlich kurzen Abständen erneuert, ist Langlebigkeit vielleicht die unspektakulärste und zugleich plausibelste Form von Ressourcenschonung. Kaldewei produziert seine Badlösungen aus Stahl und Glas, die Materialien sind kreislauffähig und vollständig recycelbar. Rund 600 Produkte des Unternehmens tragen nach Herstellerangaben eine Cradle-to-Cradle-Zertifizierung. Das passt zu einem Projekt, bei dem Wiederverwendung bereits an der Rezeption beginnt.

Dass sich das Ardbeg House nicht mit hübschen Zimmern begnügt, zeigt auch sein Programm. Ein Aufenthalt ist eng mit der Welt der Destillerie verbunden. Gäste können an einer Führung durch die Ardbeg Distillery teilnehmen, es gibt eine tägliche „Whisky Hour“ und Zugang zu zwei exklusiven Abfüllungen. Selbst die Gastronomie spielt mit dem wichtigsten Exportprodukt der Insel: Ein Grill im Innenhof nimmt den rauchigen Charakter der Ardbeg-Whiskys als kulinarischen Ausgangspunkt. Damit berührt das Haus einen interessanten Wandel im Tourismus. Die Zeiten, in denen eine Destillerie lediglich Produktionsstätte mit angeschlossenem Verkostungsraum war, sind vorbei. Whisky ist längst Kulturprodukt, Reiseziel und Designgegenstand geworden. Menschen fliegen nicht nur nach Schottland, um eine Flasche zu kaufen. Sie wollen sehen, wo sie entsteht, die Landschaft verstehen, das Wasser, die Luft, den Torf – und anschließend möglichst genau dort übernachten. Auf Islay ist diese Entwicklung besonders sichtbar. Die Insel besitzt mehrere weltberühmte Destillerien und hat sich dennoch eine gewisse Widerborstigkeit bewahrt. Vielleicht liegt genau darin ihre Attraktivität. Luxus bedeutet hier nicht, die Umgebung auszublenden, sondern sie möglichst nah heranzulassen: Wind vor dem Fenster, dunkler Atlantik, ein Glas Whisky am Abend und anschließend heißes Wasser in einer Wanne, die glücklicherweise nicht auch noch wie ein Fass aussieht.
Das Ardbeg House zeigt dabei, wie weit Hospitality Design inzwischen gehen kann, ohne in bloße Inszenierung zu kippen. Entscheidend ist nicht die Zahl auffälliger Einzelstücke, sondern das Verhältnis zwischen ihnen. Ein Kronleuchter aus Whiskyflaschen verträgt eine sachliche Badewanne. Ein Zimmer voller Geschichten braucht Stellen, an denen nichts erklärt werden muss. Und regionale Identität wird interessanter, sobald sie nicht an jeder Ecke mit Ausrufezeichen versehen wird.


Vielleicht ist deshalb ausgerechnet das Badezimmer einer der aufschlussreichsten Räume des Hauses. Nach einer Wanderung entlang der Küste, einem Besuch historischer Ruinen oder einigen Gläsern bei Ardbeg braucht schließlich niemand noch eine weitere Legende. Manchmal reichen Marmor, warmes Wasser, eine schwarze Wanne – und für ein paar Minuten überhaupt keine Geschichte. Weitere Informationen unter Kaldewei

