Streifen haben ihre Strenge verloren. Was einst mit Büro, Ordnung und klaren Regeln verbunden war, wirkt für Spring/Summer 2026 plötzlich leicht, fast beiläufig. Das Muster bleibt, aber seine Bedeutung verschiebt sich. Es geht nicht mehr um Disziplin, sondern um Bewegung, um Rhythmus, um eine gewisse Selbstverständlichkeit im Umgang mit Kleidung. Linien verlaufen nicht mehr nur gerade, sie wirken weicher, offener, manchmal fast zufällig gesetzt – und genau darin liegt ihre neue Präzision.






Die Saison zeigt Streifen in einem Kontext, der sich bewusst von klassischen Codes löst. Silhouetten werden weiter, Stoffe fließender, Proportionen entspannter. Hosen erinnern an Pyjamas, Hemden an geliehene Klassiker, Sets wirken wie intuitiv kombiniert und sind doch klar durchdacht. Genau diese Balance macht den Reiz aus. Die gestreiften Pyjama-Hosen von Dolce & Gabbana greifen dieses Spiel auf, während Dries Van Noten mit feinen Linien und weichen Materialien eine ruhigere, fast zurückgenommene Interpretation zeigt.


Auch bei Nugnes 1920 wird deutlich, wie weit sich das Motiv geöffnet hat. Streifen erscheinen hier nicht als starres Konzept, sondern als wiederkehrender Impuls, der unterschiedliche Richtungen zusammenführt. Mal grafisch und klar, mal weich und fast verwaschen, dann wieder bewusst gebrochen. Labels wie Róhe setzen auf reduzierte, fast architektonische Linienführung, während Max Mara das Thema in eine ruhige, alltagstaugliche Ästhetik überführt. Entscheidend ist nicht das Muster selbst, sondern wie es sich im Gesamtbild verhält.
Parallel dazu entwickelt sich eine maritime Lesart, die ohne plakative Referenzen auskommt. Statt offensichtlicher Seefahrer-Codes entstehen subtilere Bilder: Streifen, die an Horizontlinien erinnern, Farben, die sich zwischen Wasser, Licht und Himmel bewegen. Die Zusammenarbeit von HANRO x Adam bringt genau diese Idee ins Spiel – breiter, farbintensiver, mit einer leichten Retro-Note, die eher anklingt als dominiert.
Interessant ist, wie selbstverständlich sich das Motiv durch unterschiedliche Stilwelten zieht. Sportive Polos von Dunst wirken ebenso stimmig wie gestrickte Varianten oder klassische Shirts. Selbst Accessoires greifen das Thema auf: Die strukturierte Tasche von Miu Miu bringt zusätzliche Tiefe ins Bild, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Streifen funktionieren hier nicht als Statement, sondern als verbindendes Element, das unterschiedliche Teile miteinander in Beziehung setzt.
Gleichzeitig verschwimmen die Grenzen zwischen Innen und Außen. Pyjama-inspirierte Looks verlassen den privaten Raum und werden Teil des Alltags. Leichte Materialien, elastische Bünde und fließende Schnitte erzeugen eine Silhouette, die entspannt wirkt, aber nicht beliebig. Streifen geben diesen Looks eine klare Struktur, ohne sie festzulegen. Sie lenken den Blick, ohne ihn zu führen.
Auch im Detail zeigt sich, wie vielseitig das Motiv eingesetzt wird. Feine Linien können Silhouetten strecken, breitere Varianten setzen bewusste Akzente, unregelmäßige Streifen bringen Spannung ins Spiel. In Kombination mit unterschiedlichen Materialien – von glatten Stoffen bis zu strukturierten Oberflächen, wie bei Moncler – entstehen Bilder, die Tiefe haben, ohne laut zu sein. Ergänzt wird dieses Spektrum durch weichere, fließendere Interpretationen wie bei Self-Portrait, wo das Muster fast in Bewegung übergeht.
Am Ende entsteht ein Bild von Mode, das weniger über einzelne Pieces definiert ist als über ein Gefühl. Streifen sind in dieser Saison kein dekoratives Detail, sondern ein stiller Taktgeber. Sie strukturieren, ohne zu dominieren, sie geben Richtung, ohne festzulegen. Genau darin liegt ihre Stärke – und vielleicht auch der Grund, warum sie nie wirklich verschwinden, sondern sich immer wieder neu erfinden. Weitere Informationen unter NUGNES 1920

