In der Parfumwelt riecht erstaunlich vieles nach Geld. Goldene Verschlüsse, italienische Palazzi, französische Namen, dazu Geschichten von Verführung, die so oft erzählt wurden, dass sie längst ihren Reiz verloren haben. Feuchter Waldboden hat es da schwer. Ebenso Gurke, Arvenholz oder der Geruch eines gerade erst aufgetauten Bergbachs. Für Patrick Stebler und Claudio Zier sind gerade solche unspektakulären Dinge interessant. Die beiden Freunde stammen aus Graubünden und haben aus der Landschaft ihrer Heimat eine kleine Parfumkollektion entwickelt. Sie heißt ODUR. Das ist Romanisch und bedeutet ganz einfach: Duft. Der Name passt zu einem Projekt, das seine Geschichte nicht erst in einem Pariser Salon erfinden muss. Stebler und Zier verbindet eine Freundschaft, die weit vor der Unternehmensgründung begann. Schon als junge Menschen versprachen sie sich, den Kontakt ein Leben lang zu pflegen. 2017 wurde ODUR zum Namen ihrer Duftkreationen. Die Frage dahinter: Wie lässt sich Herkunft erzählen, ohne Bergpanorama, Kuhglocke oder Ferienprospekt?
Graubünden ist dafür ein ergiebiger Ort. Harziges Holz, bittere Kräuter, Erde nach dem Regen und die Frische von Wasser prägen die Region. Allerdings gibt es für sie keine originalgetreue Übersetzung in einen Flakon. Ein Parfum ist keine Luftprobe. Es kombiniert auch Dinge, die in der Natur nie nebeneinander vorkommen.





Dass daraus mehr als ein regionales Souvenir wurde, hat auch mit Giovanni Sammarco zu tun. Der in der Schweiz lebende Parfümeur begleitet die Gründer seit den Anfängen und setzt ihre Vorstellungen in Rezepturen um. Alle fünf Kompositionen werden in der Schweiz als Extrait de Parfum hergestellt; auch Verpackung und Versand erfolgen dort. Die Kategorie steht für einen hohen Duftölanteil. Nach Angaben der Marke enthalten die Formeln bis zu 80 Prozent natürliche Inhaltsstoffe. Entscheidend bleibt jedoch das Zusammenspiel der Inhaltsstoffe.

Bei PINUS beginnt das ausgerechnet mit Zitrusfrüchten. Grapefruit und Bergamotte schaffen zunächst Abstand zu allem, was nach Alpenholzstube klingen könnte. Dann tritt Schweizer Arvenöl hervor, begleitet von Patchouli; Myrrhe, Sandelholz und Ambra vertiefen den Eindruck. Die Arve, eine im Alpenraum heimische Kiefernart, ist für ihr markantes, warmes Aroma bekannt. Ihr Holz prägt auch Bündner Innenräume. PINUS benutzt diese vertraute Assoziation, ohne ihr vollständig zu folgen. Statt gemütlicher Folklore entsteht auf dem Papier ein Wechselspiel aus kühler Frische und dunkleren Holznoten. Eher offenes Fenster als knisternder Kamin.

TERRA geht dorthin, wo Parfumwerbung sonst lieber nicht hinschaut: auf den Boden. In seiner Basis taucht Geosmin auf, jene Verbindung, die maßgeblich für den charakteristischen Geruch feuchter Erde verantwortlich ist. Dazu kommen Leder, Moschus und Patchouli. Der Weg dorthin führt über Bergthymian, Pfefferminze, Engelwurz und Zitrusfrüchte, später über Oud Assam, Rose und einen Wasserakkord. Das hat nichts von der sauberen Naturkulisse eines Wellnesshotels. Interessant ist vielmehr die Spannung zwischen Kräuterfrische und etwas Dunklem, beinahe Rohstofflichem. Auch eine Landschaft hat schließlich ihre ungebügelten Seiten.

Eine völlig andere Temperatur besitzt ERVAS. Sizilianische Zitronenzeste, Mandarine, Basilikum und Orangenblüte könnten den Auftakt eines sehr guten italienischen Mittagessens bilden. Doch die Gurke verändert die Richtung. Ihre wässrige, grüne Anmutung nimmt der Zitrusfrische die Süße; Moschus bildet den Ausklang. So wird aus dem Gedanken an einen Bergsee keine frostige Reinheitsfantasie, sondern eine eigenwillige Mischung aus alpiner Kühle und mediterranem Sommer. Gerüche respektieren schließlich keine Landesgrenzen.

CALMA wiederum verweigert den demonstrativen Auftritt. Mandel, Vanille und Haselnuss treffen auf Iris, Heliotrop, Maiglöckchen, Jasmin und Lavendel. Sandelholz, Ambra und Moschus werden durch eine Milchnote ergänzt. Auf einer Zutatenliste könnte das gefährlich nah am Nachtisch liegen. Die floralen und pudrigen Nuancen verschieben die Vorstellung jedoch in Richtung weicher Stoffe, warmer Haut und stiller Räume. Der Reiz liegt in der Zurückhaltung.

Bleibt SUVI, die grünste und blumigste der fünf Kompositionen. Pfefferminze, Wacholder, Zitrone und Bergamotte treffen auf Traubenblätter; Holunder- und Orangenblüten verbinden sich mit Feigenblättern und Maiglöckchen. In der Basis stehen unter anderem Iriswurzel, Moschus und ein Bergquellwasser-Akkord. Besonders die Holunderblüte ist eine schöne Wahl. Ihr Geruch gehört in Mitteleuropa zu jenen flüchtigen Signalen, die den Frühsommer ankündigen, lange bevor irgendein Kalender offiziell mitspielt. SUVI verknüpft diese florale Erinnerung mit der herberen Sprache von Blättern und Kräutern.
Die fünf Düfte sind nicht nach Frauen und Männern sortiert. Die Branche unterscheidet derweil noch immer mit erstaunlichem Ernst zwischen „maskulinem“ Holz und „femininen“ Blüten. Bei ODUR gibt es keine Vorschrift, wer nach Leder, Iris oder Vanille riechen darf. Schließlich sind weder eine Rose noch ein Wacholderstrauch jemals auf die Idee gekommen, ein Geschlecht auf ihre Verpackung drucken zu lassen.
Auch optisch bleibt die Marke zurückhaltend. Rechteckige Glasflakons, schwarze Verschlüsse, klare Beschriftung; auf den Kartons verteilen sich abstrakte Farbflächen in Blau, Grün, Grau, Sand und Violett. Sie erinnern eher an Farbproben aus einem Atelier als an die Insignien eines Luxushauses. Kein Wappen, keine goldene Krone, kein Versuch, eine jahrhundertealte Dynastie zu suggerieren. Gerade der Verzicht auf dieses Theater passt zu einer Marke, deren Geschichte tatsächlich erst 2017 begann.
Natürlich lässt sich nicht überprüfen, ob ein Duft das Bündnerland „wirklich“ trifft. Geruch ist persönlich, Erinnerung erst recht. Für die einen bedeutet ein Wald Wärme, für andere feuchte Kälte; ein Kräuterakkord erinnert vielleicht an Ferien, vielleicht an die Küche der Großmutter. ODUR behauptet damit weniger eine verbindliche Duftkarte als eine mögliche Lesart seiner Herkunft. Die Gründer liefern keine fünf Flaschen mit abgefüllter Landschaft, sondern fünf Versuche, sie sich vorzustellen.
Und während die Parfumindustrie immer neue exotische Schauplätze sucht, liegt das Ungewöhnliche hier in einer vergleichsweise kleinen geografischen Entfernung: zwischen zwei alten Freunden, einem Parfümeur und den Gerüchen einer Gegend, die für gewöhnlich lieber mit ihren Aussichten wirbt.

