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Bewegte Zeiten

Heute wird Bewegung sekundenweise verwertet: Choreografien passen ins Hochformat, Trends leben einen Sommer, und wer tanzt, liefert meist gleich den Sound dazu. Im Archiv von Life sieht das anders aus. Dort ist Tanz kein Content, sondern ein Ereignis. Ein Körper im Sprung, ein Paar auf dem Parkett, ein Nachtclub kurz vor dem Kippen – und plötzlich erzählt ein Foto mehr über seine Zeit als manche Chronik. Aus diesem Material baut TASCHEN mit „LIFE. Let’s Dance“ einen Bildband, der weit über eine elegante Sammlung schöner Bewegungen hinausgeht. Über 200 Fotografien führen durch mehr als drei Jahrzehnte der Tanzgeschichte, vom späten 1930er- bis in die frühen 1970er-Jahre. Ein großer Teil der Aufnahmen war bislang unveröffentlicht; ausgewählt wurden sie aus dem Life-Archiv und von den Originalnegativen neu gescannt. Daraus entsteht eine Kulturgeschichte, in der sich gesellschaftliche Veränderungen über den Körper lesen lassen. Wer tanzt mit wem, wo wird getanzt, wer schaut zu, wer steht im Mittelpunkt – die Antworten verschieben sich von Seite zu Seite.

Dass Life dafür so reiches Material besitzt, ist kein Zufall. Seit der Gründung des Magazins durch Henry R. Luce 1936 sollte die Welt in Bildern möglichst unmittelbar erfasst werden. Schon die sechste Ausgabe widmete sich dem Tanz. Nicht als dekorative Nebensache, sondern als etwas, das Menschen verbindet und Kulturen prägt. Das Archiv führt deshalb nicht nur auf Bühnen, sondern ebenso nach Las Vegas, in Hollywoods Filmstudios, in Pariser Nachtclubs, nach Woodstock, in westliche Provinzen Chinas oder in die Tanzsäle Harlems. Natürlich treten die großen Namen auf. Martha Graham, eine Pionierin des Modern Dance, erscheint neben den Ballettlegenden Rudolf Nureyev und Margot Fonteyn. Fred Astaire ist dabei, Sammy Davis Jr., Elvis Presley und Brigitte Bardot, die bei Dreharbeiten in Spanien barfuß tanzt. Das Buch behandelt diese Berühmtheiten jedoch nicht wie Devotionalien. Sie stehen neben unbekannten Tänzerinnen und Tänzern, deren Namen niemand auf ein Plakat gedruckt hat. Genau dort beginnt der Band interessant zu werden.

Gerade die Wechsel zwischen berühmten Gesichtern und anonymen Szenen verhindern, dass der Band in Starfotografie kippt. Ein Bühnenmoment bekommt hier nicht automatisch Vorrang vor einem Tanzabend irgendwo im amerikanischen Süden. Der gemeinsame Nenner ist nicht Prominenz, sondern die Intensität des Augenblicks. Denn Tanzgeschichte ist hier nicht bloß die Geschichte großer Choreografen, Virtuosen oder Stars. Ein Paar schwingt in einem Supper Club in South Carolina das Tanzbein, Schülerinnen und Schüler trainieren in einem Ballettkurs in Suriname, indigene Tänzer treten in Indien, Griechenland, Senegal und Mexiko-Stadt auf. In Oklahoma drehen sich Square Dancer; andernorts feiern Debütantinnen und Princeton-Studierende eine Homecoming-Feier. Dazwischen: die Disco-Kids der 1960er-Jahre. Das Nebeneinander hebt Hierarchien auf, wenigstens für die Dauer einer Buchseite. Astaire bekommt nicht automatisch mehr Gewicht als ein unbekanntes Paar, nur weil sein Name größer ist.

Das ist eine der Stärken von „Let’s Dance“: Der Band zeigt, wie wenig Tanz auf eine Stilfrage zu reduzieren ist. Walzer, Ballett, Rumba, Disco, Bühnentanz oder private Feier markieren nicht nur unterschiedliche Bewegungsformen, sondern auch verschiedene soziale Räume. Ein Tanzsaal kann Bühne, Treffpunkt, Ritual oder schlicht der Ort sein, an dem der Alltag für ein paar Stunden aussetzt. Kleidung, Gesten, Nähe und Distanz verraten dabei fast nebenbei, wie sich gesellschaftliche Codes verändern. Fotografie hat mit Tanz ein schönes Problem: Sie hält ausgerechnet das fest, was nie stillsteht. Die besten Bilder lösen diesen Widerspruch nicht, sie nutzen ihn. Eine Bewegung wird für einen Sekundenbruchteil eingefroren, aus Rhythmus wird Geometrie. Ein ausgestreckter Arm, ein gekippter Oberkörper, ein Rock im Flug reichen, um eine ganze Szene unter Spannung zu setzen. Der interessante Moment ist dabei nicht immer der perfekte. Oft gewinnt gerade die Sekunde davor oder danach, wenn Kontrolle kurz verschwindet.

Auch deshalb funktioniert der Band nicht wie ein nostalgisches Best-of. Die Bilder sind zu konkret und zu körperlich dafür. Sie zeigen Disziplin, Pose, Eleganz und Kontrollverlust, manchmal alles gleichzeitig. Der Glamour bleibt, aber er wird nicht steril. Auf denselben Seiten, auf denen Stars zu Ikonen werden, stehen Menschen, die vor der Kamera nichts darstellen müssen. Sie tanzen, weil gerade getanzt wird. Diese Selbstverständlichkeit wirkt heute fast luxuriös. Die zeitliche Spanne vom Ende der 1930er-Jahre bis in die frühen 1970er-Jahre verschärft den Effekt. In wenigen Jahrzehnten verändert sich nicht nur, wie Menschen tanzen, sondern auch, wie Körper im öffentlichen Raum gesehen werden. Gesellschaftstanz, Ballett, Modern Dance und die informelleren Formen der Pop- und Clubkultur erscheinen nicht als sauber getrennte Kapitel. Sie überlagern sich. Kultur benimmt sich schließlich selten so ordentlich, wie Archive sie später sortieren.

Lindsey Winship, Tanzkritikerin des Guardian und zuvor Tanzredakteurin bei Time Out London, liefert den historischen Kontext. Ihre Texte und Bildbeschreibungen verhindern, dass die Fotografien zu bloßen Vintage-Objekten werden. Herausgeber Reuel Golden, ehemaliger Chefredakteur des British Journal of Photography und Fotografie-Editor bei TASCHEN, setzt auf eine Auswahl, in der einzelne Bilder ganze Epochen auf kleinstem Raum lesbar machen. Zum Material gehören außerdem originale Life-Cover und Magazinseiten. Damit öffnet sich eine zweite Ebene: Nicht nur der Tanz selbst wird sichtbar, sondern auch, wie ein Massenmedium ihn präsentierte. Welche Bilder galten als spektakulär, welche Körper als berichtenswert, welche Formen von Unterhaltung als gesellschaftliches Ereignis? Life dokumentierte die Welt, entschied aber zugleich mit, welche Welt seine Leserinnen und Leser zu sehen bekamen.

„LIFE. Let’s Dance“ ist deshalb am stärksten, wenn das Buch nicht nur als Tanzbuch gelesen wird. Es ist ein Porträt des 20. Jahrhunderts mit bewegten Körpern als verbindendem Motiv. Berühmtheiten treffen auf Unbekannte, Hochkultur auf Nachtleben, choreografierte Präzision auf spontane Lust. Auf 248 Seiten entsteht daraus kein sauberer Kanon, sondern ein Archiv voller Reibung. Tanz ist hier Kunst, Unterhaltung, Ritual, Gemeinschaft – und manchmal schlicht die direkteste Form, eine Zeit sichtbar zu machen.

TASCHEN LIFE. Let’s Dance Hardcover, 20 x 27.9 cm, 1.34 kg, 248 Seiten € 40

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