Kleidung beginnt gewöhnlich dort, wo Stoff den Körper berührt. Bei ISSEY MIYAKE beginnt sie genau dort, wo beides sich nicht berührt. Für Spring/Summer 2027 macht Satoshi Kondo aus dem japanischen Begriff „Ma“ – dem Raum dazwischen – kein philosophisches Ornament, sondern ein Konstruktionsprinzip. „Figure of Ma“, Anfang Oktober im Dojo de Paris gezeigt, untersucht, was passiert, wenn Stoff nicht einfach Form gibt, sondern Abstand zulässt: Luft, Bewegung, Verzögerung. Ein Kleidungsstück wird damit weniger zur Hülle als zum veränderlichen Volumen, das erst durch einen Körper vollständig wird.
Das klingt theoretisch, wirkt auf dem Laufsteg aber unmittelbar. Ausgangspunkt war eine beinahe kindliche Erfahrung: mit einem großen Stück Stoff zu spielen, es zu werfen, zu drehen und aufzufangen. Noch bevor daraus Ärmel, Öffnungen oder eine Silhouette entstehen, gibt es Gewicht, Zug und Schwung. Genau diesen Zustand vor der klassischen Idee von Kleidung nimmt Kondo ernst. Stoff wird nicht gezähmt, sondern darf reagieren. Beim Gehen hebt er sich, beim Drehen verschiebt er sein Volumen, beim Stillstand fällt er wieder in eine neue Ordnung. Bewegung ist hier kein Nebeneffekt, sondern Material.

Dazu passt, dass „Figure of Ma“ nicht allein im Atelier entstand. Kondo und sein Team arbeiteten mit dem Pianisten Koki Nakano zusammen; Komposition und Entwurf liefen im Dialog. Musik wurde nicht nachträglich als Soundtrack über die Show gelegt, sondern als Teil des Entwicklungsprozesses gedacht. Rhythmus, Pause und Beschleunigung finden ihre Entsprechung in Stoffen, die federn, schwingen oder sich um den Körper aufblähen. Für die Präsentation übersetzte die Choreografin Tess Voelker diese Idee in Bewegung. Diese Kleidung brauchte einen Körper, der sie auslenkt und wieder zur Ruhe bringt.


Besonders deutlich wird das bei BALLOON TWIST. Die Serie nimmt die Vorstellung eines großen, von Luft erfassten Tuchs wörtlich und formt daraus runde Volumen. Der Stoff wird von Hand verdreht, gebunden und mit kugelförmigen Formen bearbeitet, sodass eine fein gekräuselte Struktur zurückbleibt. Monofilament-Polyester trifft auf wollartig texturiertes Garn; die Oberfläche schimmert leicht, bleibt transparent und wirkt plastisch. Die Silhouette folgt nicht einfach dem Körper, sie hält Distanz zu ihm und verändert sich mit jedem Schritt.


BILLOW arbeitet noch direkter mit diesem Prinzip. Ein einziges Stück leichter, transparenter Stoff erzeugt großzügige Formen, die beim Gehen schwingen und Luft halten. TEMPO PLEATS setzt auf horizontale Plissees, die bei Bewegung sichtbar zurückfedern. Auch hier beginnt alles mit einem Rechteck und Öffnungen für den Körper. Erst beim Anziehen wird aus Fläche Form. Eine alte ISSEY-MIYAKE-Idee bekommt neue Schärfe: Die Intelligenz der Kleidung liegt weniger im komplizierten Schnitt als in der Art, wie Material und Körper gemeinsam Geometrie erzeugen.



FLUIGLYPH übersetzt Wasserbewegung in nahtlosen Strick. Unterschiedlich breite Krausrippen, Garnstärken und unregelmäßige Rhythmen erzeugen Linien, die nicht wie ein Muster auf dem Material sitzen, sondern aus seiner Konstruktion entstehen. Der Strick dehnt sich mit dem Körper, krümmt sich und zieht sich wieder zusammen. Bei DRAPED ENSEMBLE wird aus einer einzigen Stoffbahn eine skulpturale Drapierung. Ein Anteil Washi, traditionelles japanisches Papier, gibt der Oberfläche eine trockene, leicht geknitterte Struktur und bleibt dennoch leicht. BUBBLE bringt Farbe ins Spiel: Auf transluzenter Organza erscheinen marmorierte Flächen, die an Seifenblasen erinnern. Die Muster werden in Kyoto von Hand erzeugt, indem Pigmente auf Wasser getropft und anschließend übertragen werden.



Die prägnanteste Serie der Saison ist BALLOONING. Vorne kurz, hinten lang, zieht das Kleidungsstück beim Gehen Luft ein und bläht sich leicht auf. Ein Tunnelzug am Saum kann das Volumen zusätzlich runden. Das Ripstop aus besonders feinem Nylon wirkt fast widersprüchlich: technisch und fragil, sportlich und poetisch zugleich. Genau darin liegt die Stärke der Kollektion. Sie romantisiert Bewegung nicht, sondern konstruiert sie.



Am anderen Ende dieses Spektrums steht COCOON BODY. Hier geht es nicht um Luft zwischen Stoff und Haut, sondern um neue Nähe. Gemeinsam mit Wacoal wurde deren „Melooop“-Technologie, ursprünglich zur dreidimensionalen Formung von BH-Cups entwickelt, für Kleidung weitergedacht. Geschmolzenes Harz wird in ultrafeinen Fasern auf eine Form gesprüht und thermisch verbunden. Ein Roboterarm bewegt einen Torso unter der Sprüheinheit; Form, Dicke und Elastizität lassen sich präzise steuern. Drapierte Kleidungsstücke auf Körpermodellen wurden per 3D-Scan erfasst und in eine Form übersetzt. Das fertige Objekt reproduziert damit nicht nur einen Torso, sondern auch Spuren des Drapierens. Material speichert etwas, das gewöhnlich verschwindet: die Erinnerung daran, wie Stoff einmal auf einem Körper lag.









Das Verfahren klingt futuristisch, besitzt aber eine fast archaische Bildlichkeit. Wie ein Seidenwurm seinen Kokon spinnt, legt sich Material Schicht für Schicht um eine Form. Trotz seiner skulpturalen Erscheinung bleibt COCOON BODY beweglich und wirkt im getragenen Zustand eher wie eine zweite Körperoberfläche als wie eine Rüstung. Produktionsreste können wieder in Rohmaterial überführt werden; das eingesetzte Material enthält 60 Prozent pflanzenbasierte Harzpellets. Interessanter als jedes Nachhaltigkeitsvokabular ist die gestalterische Konsequenz: Technologie wird nicht als Effekt benutzt, sondern als Werkzeug, um eine alte Frage des Hauses weiterzutreiben. Wie wenig braucht es, damit Material zu Kleidung wird – und wie viel Freiheit kann dabei erhalten bleiben?


Selbst die Schuhe führen diese Untersuchung fort. Die Kooperation mit Camper entwickelt zwei Modelle auf Basis der „Peu“-Familie. Peu Lift verbindet die anatomisch breite Form mit asymmetrischen Lederpartien und einem bogenförmigen Absatz. Peu Formula nimmt ein getragenes Paar der früheren Peu-Form-Silhouette als Ausgangspunkt für eine gegossene Version. Falten, Unregelmäßigkeiten und Spuren der Bewegung bleiben erhalten. Aus Gebrauch wird Formgedächtnis. Das Monomaterial enthält 30 Prozent biozirkuläre Bestandteile und ist am Lebensende vollständig recycelbar.






„Figure of Ma“ ist damit keine Kollektion über Leere, sondern über das, was Leere ermöglicht. Ein Zwischenraum kann Volumen erzeugen, eine Falte Bewegung speichern, ein Schuh die Erinnerung seines Vorgängers tragen. Das klingt fast metaphysisch, landet bei ISSEY MIYAKE aber immer wieder im Konkreten: in einem Rechteck aus Stoff, einer Plisseefalte, einem Zugband, einer Faser, einem Körper in Bewegung. Mode wird hier nicht durch Dekoration interessant, sondern durch die präzise Frage, was zwischen Material und Mensch geschieht, bevor daraus ein fertiges Bild wird.

