Bei ALAINPAUL begann die interessanteste Szene dort, wo eine klassische Vorstellung normalerweise endet. Für ALAINPAUL Spring Summer 2027 verließ der Tänzer die Bühne, passierte den schweren Vorhang und nahm die Bewegung mit hinaus in die Nacht. Alain Paul präsentierte seine neue Kollektion unter dem Titel „The Scene“ – als Live-Performance zwischen zeitgenössischem Tanz, Clubkultur und jener schwer definierbaren Zwischenwelt, in der Kostüm, Alltagskleidung und improvisiertes Styling plötzlich dieselbe Sprache sprechen. Die Grundidee war ebenso einfach wie stark: Ein Körper hört nicht auf, Tänzer zu sein, nur weil die Vorstellung vorbei ist. Bewegungen bleiben gespeichert, genauso wie Routinen, Körperspannung und bestimmte Arten, Kleidung zu tragen. Alain Paul interessierte sich diesmal weniger für die große Pose als für den Moment danach. Für das Umziehen in der Garderobe, das Weiterziehen in die Nacht, das schnelle Greifen nach Dingen, die gerade herumliegen. Rehearsal Tights wurden um den Oberkörper geschlungen und zum Top, Kleider nach unten gezogen und auf Hüfthöhe zu Röcken gefaltet, klassische Schneiderkunst traf auf Sportswear. Alles wirkte ein wenig so, als hätte niemand geplant, dass daraus ein Look werden sollte – und genau darin lag seine Präzision.









Als Referenzraum dienten Choreografen wie Hofesh Shechter, Sharon Eyal und das Kollektiv (LA)HORDE, deren Arbeiten sich längst nicht mehr sauber zwischen Bühne, Konzert, Club und Performance unterscheiden. Genau dort setzte auch „The Scene“ an. Der institutionelle Raum des Tanzes verlor seine Distanz, das Nachtleben seine reine Funktion als Gegenwelt. Beides überlagerte sich. Nicht als dekoratives Club-Zitat, sondern als Vorstellung davon, wie Körper Kleidung verändern – und Kleidung wiederum Bewegung beeinflusst. Das zeigte sich besonders in der Schneiderkunst. Der nach vorne gezogene Schulteraufbau, längst Teil des ALAINPAUL-Vokabulars, wurde weiter zugespitzt. Elastische Konstruktionen im Rücken von einreihigen Jackets und Mänteln zogen gegen die Vorderseite und modellierten eine schärfere Taille. Reversed-Peak-Lapels verschoben vertraute Codes, ein übergroßer Tailoring-Rock ließ sich über verschiedene Knopfpositionen und ein internes Elastiksystem verändern. Die Konstruktion blieb flexibel und entwickelte ihre Form erst beim Tragen.









Auch der Trainingsanzug wurde für ALAINPAUL Spring Summer 2027 aus seiner Komfortzone geholt. Kordelzüge, Stopper und elastische Elemente tauchten plötzlich an Bleistiftröcken, ärmellosen Tops und Kleidern auf. Track Jackets bekamen voluminöse Ballonärmel und die Präsenz von Abendmode. Transparente, trockene Seide sah aus wie Nylon; ultraleichtes Nylon bewegte sich wiederum beinahe wie Seide. Materialien spielten Verwechslung. Nichts musste bleiben, was es ursprünglich gewesen war. Besonders gut funktionierte dieses Prinzip bei den fließenden Kleidern. Mousseline-Roben mit integrierten Tunneln, Kordeln und Stoppern überließen einen Teil des Entwurfs dem Träger. Stoff ließ sich zusammenziehen, lösen, verschieben und neu verteilen. Das Kleid war nicht einfach fertig – es entstand im Tragen. Ein pinkfarbenes Satin-Slipdress griff Kritzeleien und Signaturen auf, wie sie Tänzer auf ihren getragenen Spitzenschuhen hinterlassen. Die Zeichnungen wurden verwischt, der Satin plissiert und gequetscht, als hätte das Kleid bereits eine lange Nacht hinter sich.









Dass Kostüm nie nur von vorne und hinten gedacht wird, sondern immer auch aus der Perspektive des Publikums, hatte Alain Paul bereits 2025 bei seiner Zusammenarbeit mit Imre und Marne Van Opstal für die Pariser Oper beschäftigt. In „The Scene“ wurde daraus ein Spiel mit unvollständiger Kleidung. Ein Hemd existierte nur noch als Vorderseite. Tanktop oder Cardigan wurde auf ihre sichtbare Fläche reduziert. Ein dekoratives Plastron erschien beinahe wie Schmuck. Es waren Fragmente, die wirkten, als seien nach einer Vorstellung Teile eines Kostüms übrig geblieben und hätten ein zweites Leben begonnen. Historische Bühnenreferenzen tauchten ebenfalls auf, allerdings ohne musealen Ehrgeiz. Jacquards, Epauletten, Pannier-Volumen und theatralische Broschen erschienen aus ihrem ursprünglichen Zusammenhang gelöst und wurden in die Gegenwart verschoben. Der Punkt war nicht Nostalgie. ALAINPAUL zerlegte das Vokabular des Theaters und setzte es neu zusammen.
Denim bekam durch Bleichen, Abrieb und Metallic-Folie einen individuellen Charakter. Gerade hier wurde sichtbar, dass die Gruppe für Alain Paul nie Uniform bedeuten musste. Die gemeinsame Silhouette bestand aus vielen einzelnen Identitäten. Leder orientierte sich dagegen an funktionaler Kleidung und machte Zweckmäßigkeit zum Schmuckelement. Taschen wanderten auf Pencil Skirts, ein lederner Knieschoner verlor seine Schutzfunktion und wurde zum Accessoire, das am Bein getragen oder wie eine kleine Tasche benutzt werden konnte. Selbst ein klassischer Schneiderärmel löste sich aus seinem ursprünglichen Zusammenhang und ließ sich als Top, Kummerbund oder Bag binden. Auch Knitwear bewegte sich direkt aus dem Probensaal in die Kollektion: Cache-Cœurs, handgestrickte Woll-Justaucorps, Warm-up Shorts und Cardigans zitierten jene Kleidung, in der Tänzer stundenlang arbeiten, bevor überhaupt ein Publikum den Raum betritt. Es waren keine romantisierten Ballettbilder, sondern Arbeitskleidung, übersetzt in Mode.









Bei den Schuhen wurde die Ballerina weiterentwickelt, unter anderem als Stiletto-Version. Daneben erschien ein Derby, dessen seitliche Verzerrung auf die Veränderungen anspielte, die jahrelange Arbeit auf Spitze am Fuß hinterlassen kann. Ein Detail, das beinahe beiläufig wirkte und gerade deshalb hängen blieb. Tanz erschien hier nicht als ästhetische Oberfläche, sondern als physische Erfahrung. Je weiter die Spring Summer 2027 Kollektion von ALAINPAUL voranschritt, desto abstrakter wurde die Bühne. Der Tutu verlor seine vertraute Form und wurde auf seine konstruktive Idee reduziert. Daraus entstand ein Kleid aus unzähligen einzeln applizierten Rüschen, die um den Körper zu schweben schienen, während ein internes Korsett für Halt sorgte. Beim finalen Look kehrte sich das Prinzip um: metallfadenverstärkte Seidenorganza hielt ihre Bewegung beinahe schwerelos im Raum, lediglich fixiert durch ein einzelnes Grosgrain-Band auf Brusthöhe.









Entscheidend war jedoch, dass ALAINPAUL diese Ideen nicht einfach über einen klassischen Runway schickte. Zum ersten Mal wurde die Kollektion als Live-Performance präsentiert. Choreograf Eric Christison entwickelte eine Bewegungssprache, die mit einzelnen Körpern begann und sich nach und nach zu einer Gruppe verdichtete. Aus Solisten entstand ein Kollektiv, aus kontrollierter Bewegung ein gemeinsamer Rhythmus. Sounddesigner Senjan Jansen entwickelte dazu gemeinsam mit Shygirl den Sound. Inge Grognard verantwortete das Make-up in Zusammenarbeit mit Byredo, Louis Ghewy das Hair Styling mit Shiseido. Byredo legte mit Animalique zusätzlich eine olfaktorische Ebene über die Präsentation. So wurde aus einer Modenschau ein Raum, der nicht nur über Silhouette und Stoff funktionierte, sondern über Körper, Klang, Geruch und Bewegung.





„The Scene“ machte damit genau das, was der Titel versprach. Bühne und Underground standen nicht länger auf gegenüberliegenden Seiten einer Tür. Sie liefen ineinander. Ein Tänzer verließ die Vorstellung, zog sich um, ging weiter – und nahm einen Teil des Abends mit. Die Kleidung folgte ihm. Alle Fotos © Luca Tombolini

