In den 1930er-Jahren baute Colmar für den Speedski-Pionier Leo Gasperl einen Mantel, der sich am Rücken aufblähte und wegen seiner Silhouette schnell als „Fledermaus“ bekannt wurde. Eleganz war dabei zunächst Nebensache. Entscheidend war, was ein Stück Stoff bei Kälte, Geschwindigkeit und Luftwiderstand leisten konnte. Aus solchen Versuchen entstand jene Verbindung von Technik und Gestaltung, auf die Colmar für Fall/Winter 2026 wieder zurückgreift. „From Past to Present“ beginnt im Archiv: bei Schnitten, Volumen, Farbkombinationen und Details aus Jahrzehnten alpiner Entwicklung. Historische Referenzen werden nicht kopiert, sondern mit heutigen Materialien, Membranen und Konstruktionen neu zusammengesetzt. Die entscheidende Frage lautet: Welche Ideen funktionieren noch, wenn sich Stoffe, Körpergefühl und Anspruch an Performance komplett verändert haben?



Colmars Geschichte ist eng mit dem Skisport verbunden. Die Marke wurde 1923 in Monza von Mario und Irma Colombo gegründet; ihr Name setzt sich aus COLombo und MARio zusammen. In den 1930er-Jahren erwies sich speziell behandelte Baumwolle aus der Arbeitsbekleidung auch für den Skisport als geeignet. 1952 gewann Zeno Colò bei den Olympischen Winterspielen in Oslo die Abfahrt in einer Jacke, an deren Entwicklung er gemeinsam mit Colmar beteiligt war. Aus Bekleidung wurde früh ein Teil sportlicher Performance. FW26 führt diesen Gedanken mit wasserdichten und atmungsaktiven Membranen, leichten Wattierungen mit hoher Wärmeleistung und ergonomischen Konstruktionen weiter. Geschwindigkeit, Temperaturschwankungen und Bewegungsfreiheit verlangen nach Lösungen, die sich unmittelbar am Körper bemerkbar machen. Schutz soll nicht schwer wirken, Wärme nicht auftragen, Bewegung nicht behindern.

Skimode hat dabei eine Besonderheit: Sie muss aus der Distanz funktionieren. Auf einem Berg werden Proportion, Farbe und Kontrast anders gelesen als in einem Innenraum. Deshalb spielen Color-Blocks, Paspeln und grafische Linien eine wichtige Rolle. Tiefe Farbtöne treffen auf stärkere Akzente, verschweißte Reißverschlüsse und Heritage-Badges setzen präzise Punkte. Technik darf sichtbar bleiben und wird selbst Teil des Designs. Auch die Silhouetten haben sich verändert. Über Jahrzehnte galt im Skisport ein körpernaher Schnitt als sichtbares Zeichen von Dynamik. Heute darf Volumen großzügiger sein, solange Beweglichkeit und Wärmehaushalt stimmen. Die neue Kollektion nutzt diese Freiheit für Jacken und Layer, die Raum geben, ohne schwer oder unförmig zu wirken.



Die Damenlinie arbeitet mit High-Performance-Pieces, Fleece-Layern und abgestimmten Accessoires. Technische Präzision trifft auf klare Proportionen und reduzierte Oberflächen. Bei den Männern tritt der alpine Ursprung offensiver hervor: stärkere Farbkontraste, technische Jacken, robuste Hosen und aufeinander abgestimmte Fleece-Pieces bestimmen das Bild. Langlebigkeit und Schutz bleiben sichtbar, ohne in anonymer Funktionskleidung zu enden. Interessant ist auch das Layering. Auf der Piste ist es kein Stylingbegriff, sondern eine Frage des Temperaturmanagements. Basisschicht, Fleece und äußere Schutzlage müssen aufeinander reagieren, ohne Bewegungsfreiheit zu verlieren. Colmar übersetzt dieses technische Prinzip in eine visuelle Ordnung aus unterschiedlichen Materialien, Flächen und Texturen.
Dazu kommt das Mix-and-Match-Prinzip. Grafiken, Prints, Color-Blocks und abgestimmte Accessoires sind so angelegt, dass sie miteinander kombiniert werden können. Wer mehrere Tage im Schnee verbringt, braucht keine komplett getrennten Outfits, sondern Teile, die sich austauschen und neu zusammensetzen lassen. Vielseitigkeit wird damit selbst zu einer Funktion. Überhaupt hat sich die Bedeutung von Performance verschoben. Früher ließ sie sich relativ einfach über Schutz vor Kälte, Nässe und Wind definieren. Heute gehören Gewicht, Atmungsaktivität, Tragegefühl, Beweglichkeit und Temperaturregulierung ebenso dazu. Gute Skibekleidung muss im Wechsel aus Lift, Abfahrt, Pause, Sonne, Wind und Schneefall funktionieren.

Genau an diesem Punkt wird das Archiv interessant. Alte Stücke dokumentieren nicht nur einen Look, sondern frühere Lösungen für ähnliche Probleme. Welche Nahtführung gab Beweglichkeit? Wo wurden Verstärkungen gesetzt? Wie wurden Kontraste genutzt, um Körper und Bewegung sichtbar zu machen? Solche Fragen sind produktiver als der bloße Wunsch, ein historisches Modell noch einmal aufzulegen. Auch die Farbigkeit erzählt von dieser Vergangenheit. Skimode war lange mutiger als viele andere Bereiche der Herren- und Damenbekleidung. Signalwirkung, Sichtbarkeit und sportlicher Wettbewerb sorgten für kräftige Töne, klare Kontraste und grafische Flächen. In FW26 kehrt diese Direktheit kontrollierter und mit tieferen Farbräumen zurück. Funktion und Ausdruck waren auf der Piste nie Gegensätze.



Parallel hat sich die Wahrnehmung alpiner Kleidung verändert. Skijacken bleiben längst nicht mehr ausschließlich im Skigebiet. Technische Materialien, großzügige Volumen und Outdoor-Details sind Teil urbaner Garderoben geworden. Damit wächst der Anspruch: Ein Produkt soll im Schnee funktionieren und außerhalb davon eine eigenständige Form besitzen. Colmar bewegt sich genau in diesem Zwischenraum, ohne seinen sportlichen Ursprung zu kaschieren. Die Geschichte der Marke hilft dabei, weil sie nicht nachträglich konstruiert werden muss. Von frühen Experimenten mit behandelten Stoffen über den Skiboom der Nachkriegszeit bis zur Verbindung von Sport und Lifestyle zieht sich eine kontinuierliche Entwicklung. Das Archiv ist weniger Schatzkammer als Arbeitsmaterial. Es zeigt, was sich bewährt hat und was unter neuen technischen Bedingungen wieder relevant werden kann.






Der gegenwärtige Boom von Heritage-Ästhetik macht solche Rückgriffe allerdings heikel. Sobald historische Codes nur noch als Dekoration verwendet werden, wirken sie austauschbar. Ein Badge, eine Rennsportlinie oder ein Vintage-Farbton allein ergeben noch keine glaubwürdige Geschichte. Entscheidend ist, ob die ursprüngliche Funktion verstanden und neu übersetzt wird. „From Past to Present“ setzt genau dort an. Die Erinnerung steckt in Proportionen, Farbcodes und Details, während Material und Konstruktion eindeutig in der Gegenwart verankert bleiben. So entsteht keine Replik der Vergangenheit, sondern eine Kollektion, die technische Erfahrung weiterführt.

Auf der Piste zählt am Ende ohnehin weniger, wie überzeugend eine Marke ihr Archiv erzählt, als wie gut eine Jacke bei Wind, Schnee und Bewegung funktioniert. Geschichte bekommt erst dann Gewicht, wenn sie im Produkt noch spürbar ist. Colmar nimmt deshalb nicht einfach Schnee von gestern und verkauft ihn neu. Die Marke nutzt ihn als Testfeld für das, was heute noch trägt.

