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Das Meer trägt kein Logo

Das Meer ist in der Mode ein zuverlässiger Komparse. Es liefert Horizonte, Wind in den Haaren, ausgebleichte Farben und jene Portion Freiheit, die sich in Kampagnenbildern hervorragend macht. Meist bleibt es allerdings genau das: Hintergrund. Bei „Here is The Sea“, einem gemeinsamen Projekt von Nugnes und ASPESI, rückt es weiter nach vorne. Nicht als Postkartenmotiv, sondern als Lebensraum. Fotografiert werden keine Models vor hübscher Küste, sondern Fischer und Bewohner von Trani – Menschen, für die das Meer weniger Sehnsuchtsort als Alltag ist. Die süditalienische Stadt wird damit zum eigentlichen Zentrum einer Zusammenarbeit, die Capsule Collection, Fotografie und Ausstellung miteinander verbindet. Nugnes, fest in Trani verwurzelt, bringt seine Vorstellung von mediterranem Luxus ein, ASPESI jene unaufgeregte Funktionalität, für die die italienische Marke seit Jahrzehnten steht. Das Ergebnis versucht gar nicht erst, eine große modische Erzählung über den Süden zu erfinden. Es schaut genauer hin.

Denn mediterrane Ästhetik ist längst ein eigener Wirtschaftszweig. Zitronen auf Keramik, gestreifte Sonnenschirme, Leinenhemden, Fischernetze, Terrakotta und ein bisschen verwitterte Patina genügen, um binnen Sekunden eine Vorstellung von italienischem Sommer zu erzeugen. „Here is The Sea“ setzt diesem gut geölten Bilderapparat etwas Unspektakuläreres entgegen: echte Menschen an einem echten Ort. Für die dazugehörigen Fotografien wurde Piero Percoco eingeladen. Seine Aufnahmen entstanden entlang der Küste und im Hafen von Trani und zeigen Bewohner und Fischer in ihrer alltäglichen Umgebung. Keine perfektionierte mediterrane Fantasie, sondern Gesichter, Körper, Straßen, Boote und Situationen, die nicht so aussehen müssen, als seien sie für eine Kampagne erfunden worden.

Gerade darin bekommt das Projekt seine Glaubwürdigkeit. Mode ist weiterhin präsent, sie drängt sich aber nicht permanent zwischen Betrachter und Ort. Die Kleidung wird Teil einer Umgebung, statt diese zu dekorieren. Im Mittelpunkt der Capsule Collection steht ein einziges Stück mit einiger Geschichte: ASPESIS 13PIÙ. Das Hemd zählt zu den wiederkehrenden Modellen der Marke und wurde für Nugnes in einer limitierten Edition neu aufgelegt. Wasserabweisend, funktional und bewusst unkompliziert, entspricht es ziemlich genau jener Vorstellung von Kleidung, die sich erst im Gebrauch erklären muss. Für „Here is The Sea“ bekommt das Modell ein Detail, das zunächst gar nicht sichtbar ist. Im Inneren verbirgt sich ein sogenanntes maritimes Tattoo – eine kleine Referenz an die Region und ihre Beziehung zum Meer. Dass dieses Zeichen nicht außen aufgesetzt wird, sondern verborgen bleibt, ist klüger als jedes plakative Branding. Es macht aus Regionalität kein Emblem.

Überhaupt passt das 13PIÙ erstaunlich gut nach Trani. Nicht weil Fischer dort vermutlich exakt dieses Hemd tragen, sondern weil Funktionalität am Wasser eine andere Bedeutung bekommt als im Showroom. Wind und Wetter interessieren sich wenig für modische Konzepte. Wasserabweisende Materialien, Bewegungsfreiheit und unkomplizierte Formen besitzen dort eine praktische Logik, lange bevor jemand daraus einen Trend macht. Vielleicht liegt genau darin die Verbindung zwischen ASPESI und Nugnes. Beide bewegen sich bei diesem Projekt weit weg von jener Vorstellung von Luxus, die vor allem über Sichtbarkeit funktioniert. Der hier beschworene mediterrane Luxus ist nicht Goldknopf, Yacht und Champagnerglas, sondern Nähe zu einem Ort. Das klingt zunächst romantisch – funktioniert aber vor allem dann, wenn man auf die Menschen schaut, die dort tatsächlich leben.

Diese bekommen in Percocos Bildern den entsprechenden Raum. Die Fotografien bilden den Kern einer Ausstellung, die bis zum 26. September in den Räumen von Nugnes in Trani zu sehen ist. Zwischen den Bildern stehen die Pieces der Kollektion, auch das Schaufenster wurde eigens für das Projekt gestaltet. Fotografie, Kleidung und Ladenfläche werden damit zu Teilen derselben Erzählung. Auch die Eröffnung wurde bewusst von der üblichen Modeveranstaltung wegbewegt. Percoco traf gemeinsam mit lokalen Fischern auf die Gäste, orientiert an der ungezwungenen Atmosphäre eines Gesprächs in einer Bar am Hafen. Dazu entstanden limitierte, von ihm signierte Postkarten. Später verlagerte sich der Abend auf die Terrassen von Nugnes, die mit Musik und Kulinarik zur mediterranen Piazza wurden.

Das könnte schnell ins Folkloristische kippen. Entscheidend ist deshalb die Haltung der Bilder. Sobald ein Ort wie Trani lediglich als charmante süditalienische Projektionsfläche benutzt wird, ist man wieder genau dort, wo Modekampagnen seit Jahrzehnten stehen: am Meer, aber eigentlich nirgendwo. „Here is The Sea“ versucht das Gegenteil. Der Ort soll erkennbar bleiben, ebenso die Menschen, die ihn prägen. Daraus entsteht eine interessante Verschiebung. Nicht die Kollektion gibt der Umgebung Bedeutung, sondern die Umgebung gibt der Kollektion ihren Kontext. Das passt zu einer Zeit, in der Luxus zunehmend versucht, über Herkunft und kulturelle Verankerung zu sprechen. Die überzeugenderen Projekte sind dabei meist jene, die nicht behaupten, einen Ort neu zu entdecken. Trani braucht weder ASPESI noch Nugnes, um eine Identität zu besitzen. Die Aufgabe besteht eher darin, diese vorhandene Identität nicht glattzubügeln.

Piero Percocos Fotografien scheinen dafür das geeignetere Medium zu sein als jede aufwendig produzierte Kampagne. Fotografie kann Distanz schaffen, aber auch Nähe. Sie kann einen Menschen zum Typus machen – „der Fischer“, „die Bewohnerin“, „der Süden“ – oder ihn als Individuum stehen lassen. Genau an diesem Punkt entscheidet sich, ob ein Modeprojekt interessant wird oder lediglich schöne Bilder produziert. Auch deshalb ist die Beschränkung auf ein ikonisches Kleidungsstück sinnvoll. Eine umfangreiche Sonderkollektion hätte schnell nach Produktinszenierung ausgesehen. Das 13PIÙ bleibt stattdessen eine Art Verbindungselement zwischen ASPESI, Nugnes und Trani. Ein Hemd, ein verborgenes Zeichen, ein bestimmter Ort. Es ist eine angenehme kleine Geste in einer Branche, die Kooperationen gern möglichst groß ankündigt. Vielleicht liegt darin die eigentliche Stärke von „Here is The Sea“. Das Projekt erzählt nicht davon, wie Mode einen Ort verändert. Es zeigt, was passieren kann, wenn sie für einen Moment aufhört, im Mittelpunkt stehen zu wollen. Das Meer braucht schließlich keine Kampagne. Es war schon da.

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