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Die neue Trockenheit

Lange bestand die größte Herausforderung beim alkoholfreien Anstoßen darin, so zu tun, als würde einem das süße Ersatzgetränk im Glas tatsächlich gefallen. Wer keinen Alkohol wollte, bekam häufig Saft, Limonade oder eine entalkoholisierte Variante serviert, deren wichtigste Eigenschaft darin bestand, dem Original irgendwie ähnlich zu sehen. Inzwischen ist das interessanter geworden. Bitterkeit, Säure, Kräuter, Tee und Tannine haben den Platz entdeckt, der früher fast ausschließlich Wein und Spirituosen vorbehalten war. Alkoholfrei muss nicht mehr bedeuten, geschmacklich auf die Kinderkarte zurückzukehren. Franz von Fein lässt es jetzt prickeln – trocken, feinperlig und ohne Alkohol. Die Marke, bislang vor allem für ihre alkoholfreien Bio-Aperitifs Rubin und Bernstein bekannt, bringt zwei Sparkling Teas auf den Markt. Cuvée No. 1 Roségold Edition und Cuvée No. 2 Weißgold Edition sollen dabei ausdrücklich nicht den nächsten alkoholfreien Sekt imitieren. Tee, Botanicals, Kohlensäure und eine deutlich reduzierte Süße bilden stattdessen eine eigene Kategorie zwischen Aperitif, Schaumwein und erwachsenem Erfrischungsgetränk. Das klingt zunächst nach einer kleinen Verschiebung im Getränkeregal, ist aber symptomatisch für eine größere Veränderung. Alkoholfreies Trinken wird zunehmend nicht über Verzicht definiert, sondern über Geschmack. Entscheidend ist weniger, was einem Getränk fehlt, als das, was im Glas tatsächlich passiert. Gute Säure statt Zucker, Struktur statt bloßer Frucht, Bitterkeit als gewolltes Element und ein Nachhall, der nicht bereits nach dem ersten Schluck verschwindet. Kurz: Die alkoholfreie Alternative möchte nicht länger Alternative sein.

Franz von Fein kommt dabei aus einer Welt, in der diese Logik bereits angelegt war. Die bisherigen Aperitifs Rubin und Bernstein werden aus natürlichen Bio-Zutaten hergestellt und arbeiten mit komplexeren Aromen als klassische Softdrinks. Für die neuen Cuvées wurde diese Geschmackswelt weiterentwickelt. Hochwertiger Tee und ausgewählte Botanicals sollen zusätzliche Tiefe schaffen, während neue Herstellungsverfahren für feinere Perlage und eine trockenere Charakteristik sorgen. Bei der Cuvée No. 1, der Roségold Edition, treffen Zitrusfrucht und Hibiskus auf Wacholderbeeren und weitere Botanicals. Der entscheidende Begriff ist allerdings nicht Frucht, sondern Bitterkeit. Feine Bitternoten strukturieren die Cuvée und verhindern genau jene klebrige Gefälligkeit, an der alkoholfreie Getränke erstaunlich oft scheitern. Der Hibiskus liefert Farbe und leichte Säure, die Zitrusfrucht Frische, der Wacholder bringt eine aromatische Trockenheit ins Spiel. Ziel ist kein kurzer Effekt am Gaumen, sondern Länge. Cuvée No. 2 trägt den Namen Weißgold Edition und bewegt sich aromatisch in eine andere Richtung. Orangenzeste, Lavendel und mediterrane Kräuter treffen auf Tee. Schon diese Kombination macht deutlich, dass hier nicht versucht wird, Trauben durch irgendetwas möglichst Traubenähnliches zu ersetzen. Die Cuvée arbeitet vielmehr mit dem, was Tee besonders interessant macht: feiner Adstringenz, herben Noten und jener leichten Trockenheit, die nach dem Schlucken am Gaumen bleibt. Lavendel und Kräuter ergänzen florale und mediterrane Nuancen, ohne das Getränk zum Kräuteraufguss mit Kohlensäure werden zu lassen.

Dass Tee in alkoholfreien Cuvées zunehmend eine Hauptrolle spielt, ist ziemlich logisch. Er bringt etwas mit, das Fruchtsäfte allein nur schwer erzeugen können: Gerbstoffe. Sie sorgen für Struktur und jenes leicht trockene Mundgefühl, das bei Wein ganz selbstverständlich dazugehört. Hinzu kommen enorme aromatische Möglichkeiten. Tee kann floral, grasig, rauchig, würzig oder herb sein und bildet deshalb eine erstaunlich flexible Grundlage für Getränke, die auch Essen begleiten sollen. Gerade dort entscheidet sich, ob alkoholfreie Alternativen wirklich im gastronomischen Alltag angekommen sind. Ein Getränk, das nur beim Empfang funktioniert, bleibt ein hübscher Auftakt. Spannender wird es, wenn es auch neben einem Teller bestehen kann. Bitterkeit, Säure und zurückhaltende Süße sind dafür wesentlich hilfreicher als ein Übermaß an Frucht. Die neuen Franz-von-Fein-Cuvées sind deshalb als „ready to serve“ konzipiert: Flasche öffnen, einschenken, fertig. Keine komplizierte Mixologie, kein halbes Kräuterbeet im Glas und keine Garnitur, die anschließend auf dem Tisch liegen bleibt. Auch optisch wird wenig unternommen, um den Unterschied zum klassischen Anlassgetränk zu betonen. Die 0,75-Liter-Flaschen sind verkorkt und werden mit dem für Franz von Fein charakteristischen Siegelwachs versehen. Das klingt nach Detail, ist für die Kategorie aber durchaus relevant. Wer eine Flasche zum Essen öffnet oder auf einen festlich gedeckten Tisch stellt, möchte selten das Gefühl haben, gerade eine Limonade aus dem Kühlschrank geholt zu haben. Verpackung gehört hier zur kulturellen Grammatik des Trinkens.

Dass alkoholfreie Getränke inzwischen mit Korken, Gläsern und Ritualen arbeiten, ist deshalb mehr als Styling. Trinken ist eben nicht ausschließlich Geschmack. Es ist auch Anlass, Geste und soziale Routine. Eine Flasche wird geöffnet, Gläser werden gefüllt, jemand schenkt nach. Alkohol war jahrzehntelang fast automatisch Teil dieser Dramaturgie. Die neue Generation alkoholfreier Getränke übernimmt das Ritual, ohne zwangsläufig den Geschmack von Champagner, Wein oder Aperitif kopieren zu wollen. Preislich positioniert Franz von Fein beide Cuvées mit 16,90 Euro für 0,75 Liter im gehobenen Segment. Das ist deutlich oberhalb einer klassischen Limonade, aber gleichzeitig weit entfernt von den Preisregionen vieler Premiumweine oder Champagner. Verkauft werden sollen die Sparkling Teas über Gastronomie und Hotellerie, Feinkost- und Delikatessengeschäfte sowie ausgewählte Online-Partner. Gerade Restaurants und Hotels dürften für die Entwicklung der Kategorie entscheidend sein. Denn dort fällt besonders schnell auf, ob alkoholfrei als vollwertiger Teil einer Getränkekarte verstanden wird – oder immer noch als Fußnote.

Vielleicht ist genau das der interessante Punkt an den beiden neuen Cuvées. Franz von Fein versucht gar nicht erst, Alkohol unsichtbar aus einem bekannten Getränk herauszurechnen. Stattdessen werden Tee, Botanicals, Bitterkeit und Perlage zu einer eigenen Sprache zusammengesetzt. Roségold und Weißgold müssen deshalb nicht schmecken wie etwas, das ihnen fehlt. Und möglicherweise ist das ohnehin die erwachsenste Entwicklung der alkoholfreien Getränkekultur: Sie hört langsam auf, sich zu entschuldigen.

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