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Cinemascope über Berlin

Die beste Kinoleinwand der City West zeigt keinen Film. Im zehnten Stock des The Cloud One Berlin-Upper West wird Berlin selbst zum laufenden Bild: Die Gedächtniskirche rückt in greifbare Nähe, dahinter ziehen Zoo, Tiergarten und Fernsehturm die Perspektive bis zum Horizont. Wer sich umdreht, landet dennoch mitten im Kino. Das Hotel übersetzt Filmgeschichte in Räume – ohne Kostüme, ohne Kulissenbau und ohne den Gast zum Statisten zu machen. Dass ausgerechnet hier der Film die Hauptrolle spielt, ist mehr als eine hübsche Berliner Referenz. Das Hotel steckt mitten in der City West, nur wenige Schritte vom Zoo Palast entfernt, jenem Kino, das Premieren noch immer so ernst nimmt wie roten Samt. Die Berlinale liefert den Goldenen Bären, Berlin selbst das Wappentier – und das Haus hat daraus eine eigene Version der Trophäe gemacht. Historische Kameras und Filmrollen stehen nicht als pflichtschuldige Vintage-Dekoration herum, sondern setzen einen Erzählfaden fort, der sich durch die öffentlichen Bereiche und bis in die Zimmer zieht. Selbst Fritz Langs „Metropolis“ passt hier doppelt: als Filmklassiker auf der Leinwand der Cinema Lounge und als früher Kommentar zur vertikalen Stadt, während draußen ein Hochhauspanorama beginnt.

Der Schauplatz könnte kaum passender sein. Das Upper West, entworfen von Christoph Langhof und KSP Engel, erhebt sich knapp 119 Meter über den Breitscheidplatz. Seine weiße, leicht geschwungene Fassade wirkt weniger wie die übliche Glasbox als wie zwei gegeneinander verschobene Scheiben, denen jemand kurz vor dem Erstarren eine Drehung gegeben hat. Gemeinsam mit dem benachbarten Zoofenster bildet der Turm ein modernes Tor zur Kantstraße. Dazwischen behauptet sich die Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche als ruppiges Stück Berliner Gedächtnis. Alt und neu stehen hier nicht manierlich nebeneinander; sie mustern sich. Genau diese Spannung macht den Ort interessanter als eine makellos komponierte Skyline.

Im Inneren wird das Kino nicht über Poster und Popcorn zitiert, sondern über Material, Licht und eine gewisse Lust an der Inszenierung. Für Lounge und Bar wurden Möbel des italienischen Herstellers Baxter ausgewählt: tiefe Sessel, weiche Sofas, farbiges Leder, Oberflächen, die Berührung ausdrücklich erlauben. Das extralange Modell „Tactile“ macht aus dem Warten eine beinahe horizontale Beschäftigung; Arne Jacobsens Egg Chair bringt jene futuristische Eleganz mit, die seit Jahrzehnten zuverlässig jünger aussieht als manches neue Möbel. Baxter betreibt in Mailand selbst einen Showroom in einem ehemaligen Lichtspielhaus. Die Verbindung nach Berlin ist deshalb keine willkürliche Designromanze, sondern eine ziemlich saubere Besetzung. Besonders überzeugend gerät der zehnte Stock, weil dort die Kulisse nicht an der Fensterscheibe endet. Die Bar aus Holz, Messing, Glas und spiegelnden Flächen besitzt ausreichend Glamour für einen Martini, ohne zur Bond-Parodie zu werden. Mundgeblasene Kristallglasleuchten von Stefanie Hering schweben darüber; jeder Schirm ein Einzelstück, jedes Licht ein kleiner Auftritt. Türkis setzt dazu einen kühlen Gegenakzent: auf Lacktischen, Textilien und Leder, mal satt, mal changierend. Diese Farbe ist kein diskreter Statist. Sie legt sich zwischen das Gold und die dunklen Polster wie der Berliner Abendhimmel kurz vor der blauen Stunde.

Auf der Dachterrasse bekommt das Filmthema schließlich Frischluft. Zum ursprünglichen Konzept gehörten DEDON-Sessel nach Art klassischer Regiestühle, versehen mit Namen bekannter Schauspieler. Eine charmante Idee, solange niemand daraus die Verpflichtung ableitet, den Sonnenuntergang selbst zu inszenieren. Der erledigt seine Arbeit über Berlin meist ohne Creative Direction. Gerade zum Aperitif zeigt sich, warum die zehnte Etage das eigentliche Zentrum des Hotels ist: nicht als abgeschlossener Innenraum, sondern als Logenplatz über einer Stadt, die selten lange stillhält. Die stärksten Bilder des Hauses hängen allerdings drinnen. Jim Rakete fotografierte eigens für das damalige Motel One Berlin-Upper West sechs bekannte deutschsprachige Schauspielerinnen und Schauspieler: Christiane Paul, Katharina Thalbach, Birgit Minichmayr, Moritz Bleibtreu, Jürgen Vogel und Wotan Wilke Möhring. Rakete, der schon David Bowie, Mick Jagger und Sean Connery vor der Kamera hatte, ist für Porträts bekannt, die ihren Ruhm nicht dauernd mitfotografieren. Seine Schwarz-Weiß-Arbeiten suchen keine künstliche Nähe, wirken aber auch nie kühl. In Lobby und Zimmern entsteht daraus keine Hall of Fame mit Autogrammkarten-Charme, sondern eine stille Gegenwart: bekannte Gesichter, denen für einen Moment das öffentliche Lächeln abhandengekommen ist.

Unter dem Namen The Cloud One Berlin-Upper West gehört das Haus heute zur Lifestylemarke der Motel One Group. Deren Fokus auf Individualität, Nachhaltigkeit und lokale Erlebnisse passt erstaunlich selbstverständlich zu einem Hotel, das Berlin längst in seine Räume eingeschrieben hat. Architektur, Kunst und Einrichtung illustrieren einander nicht bloß, sondern tragen gemeinsam eine Geschichte. Die Zimmer sind kompakt – je nach Kategorie 16 bis 23 Quadratmeter – und damit eher präzise geschnitten als verschwenderisch. Wer ab dem elften Stock bucht, kann die Fläche optisch um eine ganze Stadt erweitern. Granitbäder mit Regendusche, Boxspringbetten und großen Fenstern kümmern sich um den praktischen Teil; Berlin übernimmt den Rest. Auch die Lage spielt besser mit als jede Hotelbroschüre. Der Bahnhof Zoologischer Garten liegt praktisch vor der Tür, der Kurfürstendamm beginnt nebenan, Bikini Berlin, Zoo Palast und KaDeWe sind zu Fuß erreichbar. Doch das Haus funktioniert nicht nur als bequemer Ausgangspunkt. Seine Lounge ist Aussichtspunkt, Arbeitsplatz, Bar und kleiner Kinosaal zugleich – eine Mischform, die aus einem Stadthotel auch jenseits der Übernachtung eine Adresse macht. Morgens wird hier gefrühstückt, tagsüber am Fenster gearbeitet, abends wandert der Blick mit dem Licht über die Dächer. Das Publikum wechselt, die Bühne bleibt.

Vielleicht ist das die schönste Pointe dieses Berliner Designhotels: Es behandelt den Film nicht als Kostümparty und Berlin nicht als austauschbare Standortangabe. Beides ist fest mit der Architektur und der Nutzung des Hauses verbunden. So entsteht ein Ort, der beim Einchecken nicht endet und beim Auschecken nicht sofort vergessen ist. The Cloud One Berlin-Upper West besitzt genügend Eigenleben, um mehr zu sein als eine gut gelegene Adresse – und Berlin liefert ohnehin täglich genug unvorhergesehene Szenen für eine Fortsetzung.

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