Unterwäsche hatte lange Zeit ein räumliches Problem: Sie endete an der Haustür. Was darunter getragen wurde, blieb darunter – zumindest offiziell. Doch die Grenzen zwischen Lingerie, Abendmode und Ready-to-Wear sind längst durchlässig geworden. Spitzenbodys ersetzen Tops, Camisoles erscheinen unter streng geschnittenen Blazern und Slip Dresses haben das Schlafzimmer schon vor Jahrzehnten verlassen. Aubade zieht daraus nun die logische Konsequenz und erweitert sein Sortiment erstmals um Kleidungsstücke, die nicht länger auf den privaten Raum beschränkt bleiben sollen. Für Herbst/Winter 2026 präsentiert die französische Maison Aubade unter dem Titel „Vertige“ eine Kollektion, die mit Transparenz, ornamentalen Oberflächen und bewusst inszenierter Sinnlichkeit arbeitet. Der Schritt in Richtung Ready-to-Wear ist mehr als nur eine saisonale Ergänzung. Aubade versucht damit, sein angestammtes Terrain neu abzustecken: Lingerie soll nicht länger nur die unsichtbare Grundlage eines Looks bilden, sondern selbst zum sichtbaren Teil der Garderobe werden.






Das deutlichste Beispiel dafür ist ein französisches Jacquardkleid aus der Linie „Splendor of Senses“. Schlangeninspirierte Stickereien und schimmernde Lurexfäden treffen auf eine körpernahe, skulpturale Silhouette. Das Ergebnis bewegt sich zwischen Abendkleid und Dessous, zwischen kontrollierter Eleganz und kalkulierter Provokation. Die vertrauten Codes der Marke werden nicht aufgegeben, sondern vergrößert: Spitze, Glanz und körperbetonte Linien verlassen das kleine Format und bestimmen nun das gesamte Kleidungsstück. Hinzu kommen ausdrucksstarke Korsetts und zwei Bodysuits, die ausdrücklich als Teil einer sichtbaren Garderobe gedacht sind. Ein strukturierter, leicht schimmernder Entwurf in tiefem Pflaume setzt auf ein markantes Dekolleté und kann ebenso unter einem Sakko wie als eigenständiges Oberteil getragen werden. Das zweite Modell besteht vollständig aus Spitze und wird im Nacken mit einem kleinen Schmuckkragen gebunden. Es erinnert weniger an klassische Unterwäsche als an ein couturehaftes Top, das zufällig auch die technische Präzision eines Dessous besitzt.






Etwas zurückhaltender tritt das smaragdgrüne Camisole aus der Linie „Midnight Whisper“ auf. Es greift die Ästhetik des Slip Dresses auf, ohne nostalgisch zu wirken. Solo getragen, mit einer hochgeschnittenen Hose kombiniert oder unter einem Blazer verschiebt es sich mühelos zwischen Abend, Alltag und intimem Moment. Genau diese Offenheit macht den Entwurf zeitgemäß. Moderne Garderoben interessieren sich immer weniger für starre Kategorien. Entscheidend ist nicht mehr, wo ein Kleidungsstück ursprünglich hingehörte, sondern was sich daraus machen lässt. Aubade liefert für diesen Übergang eine ausgesprochen opulente Kulisse. „Vertige“ orientiert sich am Neobarock und damit an einer Ästhetik, die Zurückhaltung nicht automatisch für geschmackvoller hält. Seidige Stoffe in Goldnuancen, brokatartige Muster, Lurexfäden, Drapierungen und orientalisch inspirierte Ornamente erzeugen eine kontrollierte Form des Überflusses. Schmuckelemente, goldene Tropfen, feine Ringe und schmale Träger setzen Lichtpunkte auf der Haut. Nichts daran möchte minimalistisch sein. Gleichzeitig verhindert die präzise Linienführung, dass die Kollektion ins Kostümhafte kippt. Der Barock dient nicht als historische Vorlage, sondern als Erlaubnis, wieder mehr Oberfläche, Farbe und körperliche Präsenz zu zeigen.






Das passt in eine Zeit, in der der lange dominierende stille Luxus etwas von seiner Unantastbarkeit verloren hat. Nach Jahren beigefarbener Mäntel, diskreter Logos und absichtlich unspektakulärer Kaschmirpullover darf Mode wieder sichtbarer werden. Aubade reagiert darauf nicht mit plakativem Branding, sondern mit Material und Kontrast. Transparente Spitze trifft auf glänzende Stickereien, samtige Dunkelheit auf metallische Reflexe, romantische Linien auf selbstbewusste Ausschnitte. Der Reiz entsteht weniger durch Enthüllung als durch das präzise Spiel mit dem, was gezeigt und was nur angedeutet wird. Auch die Farbpalette folgt diesem Prinzip. Pflaume und Granat erinnern an schwere Vorhänge, reife Früchte und gedämpfte Salons. Unter Bezeichnungen wie „Secret Purple“ und „Deep Berry“ werden sie zu den dunklen Protagonisten der Saison. Nächtliche Blautöne wie „Iris Bloom“, „Dreamy Blue“, „Blue Moon“ oder „Persian Blue“ bringen Kühle und Tiefe in die Kollektion, während „Mysterious Green“ mit seinem satten Smaragdton fast wie ein Schmuckstein wirkt.


Rosé und Rot übernehmen die wärmere Seite des Spektrums. „Pink Muse“ und „Red Delight“ setzen auf unmittelbare Präsenz, während perlmuttfarbene Nuancen wie „Misty Blush“ und „Opale“ näher an der Haut bleiben. Schwarz und Gold bilden schließlich das erwartbare, aber wirkungsvolle Schlussduo: Dunkelheit als Rahmen, metallischer Glanz als Akzent. Die Farben kleiden den Körper nicht einfach ein, sondern strukturieren den Blick. Sie lenken ihn auf Linien, Ausschnitte und jene kleinen Details, die Aubade seit mehr als 60 Jahren kultiviert. Die Erweiterung in Richtung Mode kommt nicht aus dem Nichts. Im Pariser Studio und Atelier entsteht jede Kollektion über einen Zeitraum von rund 18 Monaten. Designer, Produktmanager, Zuschneider sowie Fachleute aus Entwicklung und Produktion arbeiten an Schnitten und Passformen, die bei Aubade ein Spektrum von Körbchengröße A bis H abdecken. Verwendet werden unter anderem Calais- und Guipure-Spitzen sowie Schweizer Stickereien. Diese Materialkenntnis verschafft der zum Schweizer Wäschekonzern Calida Group gehörenden Marke einen entscheidenden Vorteil: Während viele Modelabels erst lernen müssen, wie sich Kleidung präzise an den Körper anpasst, beginnt Aubade genau dort.


Hinter „Vertige“ steht zugleich eine umfassendere Neuausrichtung. Das Haus möchte seine Premiumposition stärken, international klarer auftreten und sein kreatives Feld über klassische Lingerie hinaus erweitern. Vorgestellt wurde das neue Konzept auf dem Salon International de la Lingerie 2026. Eine Concept Boutique im Pariser Marais soll die veränderte Markenwelt anschließend räumlich übersetzen; eine schrittweise Einführung im internationalen Vertriebsnetz ist geplant. Zu dieser Erneuerung gehören auch ein überarbeitetes Logo und ein neues Monogramm. Dessen Linien sollen zugleich an die Präzision Pariser Ateliers, die Silhouette des Eiffelturms und die Schnürung eines Dessous erinnern. Ergänzt wird es durch eine kalligrafische Frauenfigur aus dem Archiv der Maison, die künftig den Claim „Live Your Desire“ begleitet. Solche Eingriffe wirken zunächst nebensächlich, erzählen jedoch viel über die Ambition hinter dem Projekt: Aubade will nicht nur neue Produkte anbieten, sondern sein gesamtes Erscheinungsbild dichter, modischer und international verständlicher machen.
Der entscheidende Schritt bleibt dennoch der Sprung vom Darunter zum Darüber. Denn ein Spitzenbody wird nicht allein dadurch zur Ready-to-Wear, dass er mit einer Hose fotografiert wird. Er muss Bewegung aushalten, sich kombinieren lassen und außerhalb einer aufwendig inszenierten Kampagne selbstverständlich wirken. Genau dort wird sich zeigen, wie weit Aubade sein neues Kapitel tatsächlich öffnen kann. Die Voraussetzungen sind gut. Die Marke verfügt über jene Materialkenntnis, Schnitttechnik und Nähe zum Körper, die andere erst mühsam entwickeln müssen. Nun kommt eine neue Disziplin hinzu: Kleidung zu entwerfen, die Intimität bewahrt, obwohl sie öffentlich getragen wird. „Vertige“ versteht Verführung dabei nicht als Blick von außen, sondern als Möglichkeit der Selbstinszenierung. Das ist womöglich die interessanteste Verschiebung dieser Saison. Die Dessous verlassen nicht einfach das Schlafzimmer. Sie nehmen ihre eigenen Regeln mit.

