regular

← Zur Übersicht

Kuckuck, es ist Weihnachten

Während München über Biergärten, Eiswürfel und die nächste Hitzewelle diskutiert, hängen am Petersplatz bereits Christbaumkugeln. Nicht metaphorisch. Zwischen Viktualienmarkt und Alter Peter stehen Nussknacker, Glasornamente und Kuckucksuhren bereit, als hätte der Kalender beschlossen, den Sommer einfach zu überspringen. Jetzt ist Käthe Wohlfahrt mit einem eigenen Geschäft in der Münchner Innenstadt vertreten – und erstaunlicherweise wirkt das weniger absurd, als es zunächst klingt. Denn Weihnachten war bei dem Familienunternehmen noch nie bloß eine Jahreszeit. Eher ein Zustand, den man betreten, kaufen und mit nach Hause nehmen kann.

Auf 159 Quadratmetern und zwei Etagen ist deshalb kein verkleinerter Ableger des berühmten Weihnachtsdorfs in Rothenburg ob der Tauber entstanden. München bekommt seine eigene Kulisse. Unten wird der wenige Schritte entfernte Viktualienmarkt zitiert: eigens gefertigte Marktstände tragen Kugeln, Figuren und Dekorationen, darüber zieht sich ein Panorama bekannter Münchner Motive. Wer weitergeht, passiert eine rund vier Meter hohe Wand voller Kuckucksuhren und landet schließlich in einer Welt, die zwischen bayerischer Stube und ländlicher Scheune wechselt. Historische Bauernschränke stehen neben alten Holzbalken aus fränkischen Bauernhäusern, Teile früherer Leiterwagen wurden in den Ladenbau integriert. Der Effekt ist weniger Concept Store als begehbares Bühnenbild – und genau darin liegt der Reiz.

Dass Retail seit Jahren versucht, möglichst wenig nach Retail auszusehen, gehört inzwischen zu den zuverlässigsten Paradoxien der Branche. Boutiquen werden zu Galerien, Möbelhäuser zu Wohnungen, Modegeschäfte zu Clubs. Bei Käthe Wohlfahrt passiert das Gegenteil: Hier wird nicht reduziert, sondern aufgedreht. Kein diskretes Beige, keine nahezu leeren Regale, kein Produkt auf einem einsamen Travertinsockel. Stattdessen Holz, Farbe, Licht, Geschichte und ein Kuckuck, der im Zweifel auch noch die Uhrzeit ansagt. Man muss diese Art der Inszenierung nicht für minimalistisch halten, um zu verstehen, warum sie funktioniert. Sie besitzt etwas, das vielen durchgestylten Verkaufsräumen abhandengekommen ist: eine sofort erkennbare eigene Welt.

Die Geschichte dahinter beginnt 1964 mit Käthe und Wilhelm Wohlfahrt und einer Musikspieldose aus dem Erzgebirge. Aus dem zunächst kleinen Handel mit Holz- und Spielwaren entwickelte sich über Jahrzehnte ein Unternehmen, das Weihnachten zum ganzjährigen Geschäftsmodell machte. Das Rothenburger Weihnachtsdorf, 1981 eröffnet, war bereits das dritte ganzjährig geöffnete Erlebnis-Weihnachtsfachgeschäft des Hauses. Heute betreibt Käthe Wohlfahrt zwanzig feste Geschäfte in sechs Ländern; das Weihnachtsdorf in Rothenburg zieht nach Angaben des Unternehmens jährlich mehr als eine Million Besucher an. Weihnachten als Exportartikel? Offensichtlich funktioniert das erstaunlich gut. Vielleicht deshalb, weil das, was international gern als „German Christmas“ verkauft wird, aus einem ziemlich wirksamen Gemisch besteht: Handwerk, Kindheitserinnerung, Holz, Glas, Kerzenlicht, ein bisschen Mittelalter und die feste Überzeugung, dass Gemütlichkeit im Zweifel durch noch eine Girlande verbessert werden kann. Käthe Wohlfahrt hat daraus über Jahrzehnte eine unverwechselbare Bildsprache entwickelt. Die ist nicht ironisch und versucht auch nicht, Folklore zu entschuldigen. Ein Nussknacker darf hier Nussknacker sein. Eine Kuckucksuhr muss nicht dekonstruiert werden. Und ein Weihnachtsmann bekommt keine monochrome Neufassung in Greige, nur damit er besser in eine Architektenwohnung passt.

Gerade das macht den Münchner Laden interessanter, als es eine gewöhnliche Neueröffnung vermuten lässt. Für die Gestaltung wurde kein standardisiertes Store-Konzept einfach auf einen weiteren Standort übertragen. Takuma Wohlfahrt entwickelte zunächst einen groben Entwurf, der gemeinsam mit dem hauseigenen Team auf München zugeschnitten wurde. Rund 30 gelernte Schreiner und Dekorateure gehören zum Unternehmen; viele Elemente entstanden am Stammsitz in Rothenburg ob der Tauber und wurden anschließend vor Ort eingebaut. Marktstände, Warenträger, die Kuckucksuhren-Wand und Teile der Einrichtung sind damit nicht bloß Dekoration, sondern tatsächlich eigener Ladenbau. In einer Zeit, in der sich internationale Innenstädte mit erstaunlicher Geschwindigkeit angleichen, ist das fast schon eine kleine Provokation. Denn München bekommt hier keinen beliebigen Souvenirshop mit Christbaumabteilung. Die Stadt selbst wird Teil der Erzählung. Der Viktualienmarkt taucht im Erdgeschoss wieder auf, im Obergeschoss wird es ländlicher, bayerischer, süddeutscher. Dazwischen hängen Schwarzwälder Kuckucksuhren und die Glasornamente der Serie „Poesie in Glas“. Geografisch ist das nicht immer streng, emotional dagegen ziemlich präzise. Es geht um jene Vorstellung von Süddeutschland, die weniger mit Verwaltungsgrenzen als mit Bildern funktioniert: Marktstände, Bauernmöbel, Holzgebälk, Handwerk, Stubenwärme. Ein Stück kulturelles Sampling, könnte man sagen, nur eben mit deutlich mehr Tannengrün.

Man kann das nostalgisch finden. Man kann es touristisch finden. Man kann sich auch fragen, wer im Juli ernsthaft eine Weihnachtskugel braucht. Doch vielleicht ist genau diese Frage falsch gestellt. Der Erfolg ganzjähriger Weihnachtsgeschäfte zeigt seit Jahrzehnten, dass Weihnachtsdekoration längst nicht mehr nur saisonaler Bedarf ist. Sie ist Erinnerung, Mitbringsel, Sammelobjekt und gelegentlich eine ziemlich effiziente Methode, einen bestimmten Gemütszustand in einen Karton zu packen. Wer aus München eine handbemalte Kugel oder einen kleinen Holzanhänger mitnimmt, kauft selten nur Dekoration. Er nimmt eine Erzählung mit – und die darf ruhig ein bisschen sentimentaler sein als der Rest des Einkaufszettels. Interessant ist auch, wie zeitgemäß ausgerechnet diese scheinbar aus der Zeit gefallene Welt wirkt. Je digitaler Konsum wird, desto größer scheint die Sehnsucht nach Dingen, an denen Material, Herkunft und Herstellung sichtbar bleiben. Mundgeblasenes Glas, bemaltes Holz, alte Balken und von Schreinern gebaute Möbel besitzen eine physische Präsenz, die sich schlecht durch einen schnellen Swipe ersetzen lässt. Der neue Store macht daraus kein Manifest. Er stellt es einfach hin. Viel davon. Auf zwei Etagen.

Und so steht am Petersplatz nun ein Ort, an dem München für ein paar Minuten behaupten kann, Dezember sei keine Frage des Datums. Draußen liegen Tomaten, Pfifferlinge und Blumen auf den Ständen des Viktualienmarkts, drinnen glitzert bereits der Weihnachtsbaum. Wahrscheinlich ist genau dieser Widerspruch das Beste an der Sache. Denn wer braucht schon Schneefall, wenn vier Meter Kuckucksuhren zur Verfügung stehen? Käthe Wohlfahrt, Petersplatz 9, 80331 München

Kommentar schreiben

Gefällt Ihnen was Sie sehen? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!