Kinga Mathe hat aus einem selbst entworfenen Dirndl eines der erfolgreichsten deutschen Trachtenlabels gemacht. 18 Jahre nach der Gründung zeigt ihre Geschichte, warum das Oktoberfest längst auch eine Modefrage ist – und weshalb Tradition am besten aussieht, wenn sie nicht nach Kostümverleih riecht. Kaum ein Kleidungsstück wird so aufmerksam gelesen wie das Dirndl. Die Schleife gilt als Beziehungsstatus, die Rocklänge beinahe als Charakterzeugnis, die Bluse als öffentliche Erklärung. Auf dem Oktoberfest genügt ein Detail, und München beginnt zu urteilen. Erstaunlich ist nur, wie beweglich dieses vermeintlich so festgeschriebene Kleidungsstück inzwischen geworden ist. Es funktioniert zwischen Festzelt und Hochzeit, Tegernsee und Großstadt, Familienfeier und Abendgesellschaft. Gerade darin liegt seine Modernität: Tracht bleibt interessant, solange sie nicht versucht, sich selbst unter Denkmalschutz zu stellen.






Kinga Mathe hat das früh verstanden. 2007 erhielt sie eine Einladung zu einem Trachtenball in Kitzbühel. Statt sich mit dem vorhandenen Angebot abzufinden, entwarf sie ihr Kleid kurzerhand selbst. Eine produktive Unzufriedenheit: 2008 entstand daraus das gleichnamige Label. Innerhalb von zwei Monaten entwickelte die damalige Mutter zweier kleiner Kinder 15 Dirndl, präsentierte sie auf der „Tracht & Country“ in Salzburg und gewann mit Lodenfrey ihren ersten Handelspartner. Kein sauber konstruiertes Gründungsmärchen also, sondern ein Anlass, ein Kleid und offenbar wenig Geduld mit Mittelmaß. Dass Mathe zuvor als Maskenbildnerin gearbeitet hatte, ist dabei mehr als eine biografische Randnotiz. Wer professionell Gesichter schminkt, lernt Proportionen zu lesen, Farben präzise einzusetzen und Wirkung nicht mit Übertreibung zu verwechseln. Mathe war mit 13 Jahren aus Ungarn nach Deutschland gekommen, machte hier ihren Schulabschluss und erfüllte sich ihren frühen Berufswunsch. Später übertrug sie diesen Blick auf Stoffe und Silhouetten. Ihre Dirndl leben nicht von möglichst viel Folklore, sondern von kontrollierten Kontrasten: Samt neben Seide, klare Linien neben opulenten Blusen, satte Farben neben gezielt gesetztem Glanz. Das Ergebnis wirkt angezogen, nicht verkleidet.






Genau darin liegt die eigentliche Schwierigkeit moderner Trachtenmode. Ein Dirndl muss als Dirndl erkennbar bleiben; werden sämtliche Codes entfernt, bleibt schnell nur ein Kleid mit Schürze. Gleichzeitig funktioniert museale Strenge im Festzelt ungefähr so gut wie feines Porzellan auf der Bierbank. Die Kleidung muss sitzen, Bewegungsfreiheit erlauben und auch nach mehreren Stunden noch überzeugend aussehen. Passform ist deshalb kein technisches Nebenthema, sondern einer der stilleren Luxusfaktoren. Bei Kinga Mathe lassen Nahtzugaben im Inneren individuelle Anpassungen zu. Nicht spektakulär, aber vernünftig – und Vernunft ist auf dem Oktoberfest bekanntlich ein knappes Gut. Die Marke wuchs genau in dem Moment, in dem auch die Tracht ihren gesellschaftlichen Radius vergrößerte. Was lange regionales Festgewand war, wurde zu einem weithin sichtbaren Modecode. Das Oktoberfest selbst ist inzwischen gesellschaftliches Ritual, Kontaktbörse und eines der vermutlich am gründlichsten fotografierten Volksfeste der Welt. Jedes Mieder taucht früher oder später aus mehreren Perspektiven auf einem Bildschirm auf. Damit veränderten sich auch die Ansprüche. Ein Dirndl sollte Herkunft erkennen lassen, ohne in Heimatkitsch zu versinken, und luxuriös wirken, ohne unter Dekoration zusammenzubrechen. Mathe traf diesen Moment ziemlich genau. 2016 berichtete die deutsche Vogue über ihre Entwürfe, ein Jahr später erschienen ihre Dirndl auf dem Cover einer Spezialausgabe. Aus dem Kleid für einen Kitzbüheler Ball war endgültig eine Marke geworden, die auch außerhalb des klassischen Trachtenkosmos verstanden wurde.






Für maximale Aufmerksamkeit sorgte 2017 das Modell „Grace Kelly“, getragen von Lilly Becker auf dem Oktoberfest: Mondsteinknöpfe in Gold und ein Knopf mit einem einkarätigen Diamanten. Herrlich überzogen? Gewiss. Doch die Wiesn war nie der Ort für ästhetische Bescheidenheit. Mathes eigentliches Geschäft blieb deutlich tragbarer: präzise gesetzte Mieder, hochwertige Materialien und Farben, die auch ohne Juwelierbeleuchtung bestehen. 2019 kam „Alissa by Kinga Mathe“ hinzu, benannt nach ihrer Tochter. Die zweite Linie brachte stärkere Kontraste, Baumwolle sowie Leinen- und Seidenoptiken ins Sortiment. Das Samtdirndl Alice wurde zu einem prägenden Modell. Die Erweiterung war mehr als eine zweite Preislage oder eine zusätzliche Stilwelt. Sie reagierte auf etwas, das in der Trachtenmode lange unterschätzt wurde: Nicht jede Einladung verlangt denselben Auftritt. Eine Hochzeit am Tegernsee ist nicht dasselbe wie ein Nachmittag auf der Wiesn, und nicht jede Frau möchte aussehen, als sei sie auf dem Weg zu einer königlichen Gesellschaft. Tracht wird interessanter, sobald sie Abstufungen zulässt.





Wie abhängig die Branche vom Oktoberfest war, zeigte 2020. Die Wiesn fiel aus, die Dirndl blieben im Schrank. Mathe reagierte mit Bekleidung für Hotels und Gastronomie. Unter dem Namen Uniqueform entstanden Mitarbeiterausstattungen, später unter anderem für das Seehotel Überfahrt, die Egerner Höfe, Steigenberger sowie das Kempinski Hotel Berchtesgaden. Die Aufgabe war plötzlich eine andere, das Prinzip erstaunlich ähnlich: Kleidung sollte Zugehörigkeit vermitteln, ohne im schlechten Sinn uniform zu wirken. Nur kommt sie dort ohne Schleifenlexikon aus. Als die Feste zurückkehrten, war die Tracht keineswegs erledigt. Nach Jahren der Jogginghose wirkte selbst ein Mieder plötzlich wie eine Befreiung. 2022 eröffnete Mathe in Gmund am Tegernsee ihren ersten Flagship-Store, 2023 folgte Kitzbühel, 2024 der erste Münchner Laden nahe der Maximilianstraße. Seit Mai 2026 gibt es in der Hans-Sachs-Straße im Glockenbachviertel eine zweite Münchner Adresse und damit den vierten Standort. Dort wird auch die Herrenlinie Maxim mit Jankern, Westen, Hemden und Lederhosen stärker präsentiert. Die Männer dürfen schließlich längst mehr leisten als weißes Hemd plus irgendeine Lederhose.








Für die Saison 2026 setzt Mathe auf Blautöne von hell bis dunkel, bei den Damen kommt Pastellgelb hinzu. Entscheidender als die jeweilige Farbkarte ist jedoch, dass Tracht bei ihr längst nicht mehr ausschließlich für das Oktoberfest gedacht wird. Janker werden zu Jeans getragen, Lederhosen kürzer, Kleider lösen sich sichtbar vom klassischen Dirndl. Damit verschiebt sich auch die Gelegenheit: Tracht muss nicht mehr auf den nächsten Festzeltbesuch warten. Sie taucht dort auf, wo früher niemand auf die Idee gekommen wäre, sie überhaupt so zu nennen. Nach 18 Jahren erzählt Kinga Mathe deshalb mindestens ebenso viel über die Veränderung des Oktoberfests wie über die Trachtenbranche. Das Publikum erkennt Stoffqualitäten, diskutiert Rocklängen und merkt ziemlich schnell, wann Tradition nur als Dekoration benutzt wird. Die Wiesn mag laut, voll und gelegentlich geschmacklich enthemmt sein. Gerade deshalb ist sie ein erstaunlich unbestechlicher Laufsteg. Zwischen Maßkrug und Messingkapelle zeigt sich schnell, ob jemand bloß Tracht trägt – oder tatsächlich gut angezogen ist.

