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Die Wiesn im Sechserpack

München trinkt gern gemeinsam, vergleicht aber erstaunlich selten. In einem Wirtshaus steht Augustiner auf dem Tisch, im nächsten Paulaner, zwei Straßen weiter wird Löwenbräu gezapft. Die jeweilige Brauerei gehört fast so selbstverständlich zum Ort wie die Speisekarte und wird gewöhnlich nicht zur Diskussion gestellt. Sechs verschiedene Münchner Oktoberfestbiere an einem Abend direkt nebeneinander zu probieren, ist deshalb selbst in der Bierstadt München keine alltägliche Angelegenheit. Das Hotel Vier Jahreszeiten Kempinski bringt nun zusammen, was sonst über Brauhäuser, Biergärten und Festzelte verteilt bleibt. Ab sofort werden jeden zweiten Freitag die Biere von Augustiner-Bräu, Spatenbräu, Hacker-Pschorr, Hofbräu München, Paulaner und Löwenbräu gemeinsam ausgeschenkt. Das Haus bezeichnet die „Münchner 6er-Bierverkostung“ als erste und einzige gastronomische Gelegenheit der Stadt, alle sechs an einem Ort zu degustieren. Eine kleine Münchner Unwahrscheinlichkeit wird damit zum festen Termin.

Der Reiz liegt weniger in der Menge als im direkten Vergleich. Oktoberfestbier wird schließlich meist dort getrunken, wo Blasmusik, Gespräche und der allgemeine Geräuschpegel eine genaue Beschäftigung mit Malz, Körper oder Nachhall erfolgreich verhindern. Das ist kein Fehler, sondern Teil seiner gesellschaftlichen Aufgabe. Wer allerdings sechs Biere nacheinander im selben Glasformat und unter denselben Bedingungen probiert, bemerkt schnell, wie wenig einheitlich das vermeintlich einheitliche Wiesngetränk ausfällt. Genau dabei hilft Dr. Johannes Sauer, einer der wenigen zertifizierten Biersommeliers Münchens. Er führt durch die neunzigminütige Verkostung und erklärt, worauf zwischen Schaum, Duft und erstem Schluck zu achten ist. Es geht um Unterschiede in Aromatik, Malzprägung, Bitterkeit, Mundgefühl und Abgang, aber ebenso um die Geschichte der Münchner Braukultur. Das Format verwandelt Bier nicht in eine akademische Prüfung. Es liefert lediglich das Vokabular für Unterschiede, die sonst häufig mit „schmeckt“ oder „schmeckt nicht“ erledigt werden.

Sauer kam nicht über eine klassische Gastronomielaufbahn zum Bier. Seine private Begeisterung wurde 2019 mit der Ausbildung zum Biersommelier professioneller; anschließend arbeitete er drei Jahre in einer Brauerei. Diese Verbindung aus theoretischem Wissen und praktischer Erfahrung ist für ein Tasting entscheidend. Brauen lässt sich schließlich nicht allein über romantische Kupferkessel erzählen. Temperatur, Rohstoffe, Gärung und handwerkliche Präzision bestimmen, was später scheinbar so mühelos ins Glas läuft. Der Sommelier soll dabei nicht vorschreiben, welches der sechs Biere gewinnt. Gerade die Suche nach einem eindeutigen Sieger wäre vermutlich die uninteressanteste Form der Verkostung. Spannender ist, warum ein Bier sofort zugänglich wirkt, ein anderes erst beim zweiten Schluck, warum Süße und Bitterkeit unterschiedlich wahrgenommen werden und weshalb persönliche Vorlieben oft weniger objektiv sind, als ihre Besitzer behaupten. München kennt bei Bierfragen schließlich nicht nur Geschmack, sondern Loyalität.

Begleitet wird die Probe im Hotel Vier Jahreszeiten Kempinski von hausgemachten bayerischen Spezialitäten. Das ist kulinarisch naheliegend, erfüllt aber auch eine praktische Funktion: Sechs Biere verlangen nach Pausen, Kontrasten und einer soliden Grundlage. Welche Speise zu welchem Bier besonders gut funktioniert, kann Teil derselben Entdeckungsreise werden. Bier besitzt am Tisch noch immer nicht den erklärungsfreudigen Status von Wein. Dabei verändert die Kombination mit Fett, Salz, Röstaromen oder Säure seine Wirkung mindestens ebenso deutlich. Als Schauplatz dient das Jagdzimmer des Hotels. Der Raum verschiebt die Verkostung bewusst aus dem erwartbaren Umfeld. Statt Biertisch und Festzelt gibt es Grandhotel, statt Maßkrug den konzentrierten Vergleich. Der Kontrast ist reizvoll, weil er das Getränk nicht seiner Herkunft beraubt. Die sechs Brauereien bleiben tief mit München und dem Oktoberfest verbunden; nur die Aufmerksamkeit wird anders verteilt. Bier muss hier weder volkstümlich auftreten noch zum Luxusprodukt kostümiert werden. Es darf einfach genauer betrachtet werden.

Die Dramaturgie des Abends begleitet Bastian Zimmermann, Experience Curator des Hotel Vier Jahreszeiten Kempinski . Die Berufsbezeichnung klingt zunächst, als müsse selbst ein Feierabendbier inzwischen kuratiert werden. Tatsächlich ist Zimmermann ausgebildeter Dramaturg und entwickelt für das Vier Jahreszeiten besondere Gästeformate. Bei einer Verkostung ist das durchaus sinnvoll: Reihenfolge, Tempo, Informationen und Pausen entscheiden mit darüber, ob sechs Proben als zusammenhängendes Erlebnis oder lediglich als ambitionierte Getränkebestellung in Erinnerung bleiben. Dass ausgerechnet das Vier Jahreszeiten dieses Münchner Sechserpack anbietet, besitzt einen gewissen historischen Charme. Das Hotel wurde auf Veranlassung von König Maximilian II. errichtet und sollte an der neu angelegten Maximilianstraße als „nobelstes Hotel am Platze“ bestehen. Heute verfügt es über 302 Zimmer und Suiten. Zwischen königlicher Stadtplanung und internationalem Grandhotelbetrieb bekommt die Beschäftigung mit einem zutiefst lokalen Kulturgut nun einen überraschend passenden Rahmen.

Denn Bier ist in München nicht bloß ein Getränk, sondern Teil der Stadtordnung. Brauereien prägen Wirtshäuser, Feste, Stammtische und persönliche Biografien. Viele Münchner können über ihre bevorzugte Marke mit einer Entschiedenheit sprechen, die andernorts politischen Grundsatzfragen vorbehalten bleibt. Ein gemeinsames Tasting rüttelt ein wenig an dieser Gewissheit. Wer immer dasselbe bestellt, erfährt schließlich nur selten, ob die Konkurrenz vielleicht ebenfalls gute Argumente besitzt. Der Preis von 135 Euro macht deutlich, dass es sich nicht um eine günstige Runde zum Feierabend handelt. Enthalten sind neunzig Minuten geführte Verkostung, sechs Oktoberfestbiere, bayerische Begleitung und das inszenierte Format im Hotel Vier Jahreszeiten Kempinski . Ob einem dieser Rahmen den Betrag wert ist, bleibt eine sehr persönliche Rechnung. Interessant ist die Idee dennoch: Statt noch ein weiteres Wiesn-Paket mit reserviertem Tisch und vorhersehbarer Speisenfolge anzubieten, wird das Bier selbst zum Gegenstand des Abends.

Die „Münchner 6er-Bierverkostung“ findet jeden zweiten Freitag um 17.30 Uhr statt und richtet sich an Gäste ab 16 Jahren. Gebucht wird direkt über Bastian Zimmermann unter experiences.vierjahreszeiten@kempinski.com. Neunzig Minuten später dürfte feststehen, welches Bier persönlich vorn liegt. Schwieriger wird vermutlich die Frage, ob diese Entscheidung im Freundeskreis öffentlich gemacht werden sollte.

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