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Back to the City

Die ersten Tage nach dem Sommerurlaub haben ihre eigene Kleiderordnung. In der Bahn stehen Menschen, deren Bräune noch nach Insel aussieht, während der Kalender bereits wieder nach Konferenzraum klingt. Die Leinenhose wirkt plötzlich ein wenig zu sorglos, der Wollmantel dagegen noch wie eine unnötige Überreaktion. Genau in diesem modischen Niemandsland beginnt der Herbst: nicht mit fallenden Blättern, sondern mit der Frage, was morgens um acht, mittags im Büro und abends in einer Bar gleichermaßen bestehen kann. Nugnes 1920 nennt seine Auswahl für Herbst/Winter 2026 „Back to the City“. Das klingt zunächst nach einer Rückkehr, beschreibt aber vor allem eine Neuordnung. Nach Wochen, in denen ein Hemd auch einmal offen und eine Tasche auch einmal halb leer bleiben durften, verlangt die Stadt wieder nach Präzision. Termine, wechselnde Temperaturen und lange Tage machen Kleidung nicht automatisch formeller, aber verbindlicher. Ein Look muss funktionieren, bevor überhaupt Zeit bleibt, über ihn nachzudenken.

Der oft beschworene „Wardrobe Reset“ ist deshalb weniger ein kompletter Austausch des Schranks als eine Korrektur seiner Hierarchie. Leichte Ferienkleider rutschen nach hinten, Leder, Mäntel und weiche Stricklagen übernehmen. Die Auswahl von Nugnes setzt dabei auf satte Texturen, klare Silhouetten und vermeintlich einfache Stücke, deren Qualität erst in Bewegung sichtbar wird. Nicht alles muss laut sein. Aber alles sollte einen Grund haben, getragen zu werden. Besonders Leder bekommt in dieser Saison eine neue Selbstverständlichkeit. Es erscheint nicht mehr ausschließlich als rebellische Jacke oder strenges Abendmaterial, sondern übernimmt die Rolle, die sonst einem guten Blazer zufällt: Es gibt Kontur, hält etwas aus und funktioniert über mehrere Stunden hinweg. Weich verarbeitet verliert es seine alte Schwere. Zu fließenden Stoffen oder feinem Strick entsteht ein Gegensatz, der interessanter wirkt als ein von Kopf bis Fuß durchgeplanter Look.

Ähnlich wichtig wird der Mantel. In der Stadt ist er schließlich nicht bloß Wetterschutz, sondern über Monate der sichtbarste Teil einer Garderobe. Darunter kann vieles passieren, außen sollte die Sache entschieden aussehen. Strukturierte Schultern und ein präziser Schnitt liefern diese Klarheit, ohne gleich in die Sprache klassischer Businesskleidung zurückzufallen. Der neue Stadtmantel begleitet den Weg ins Büro ebenso glaubwürdig wie den Umweg über ein spätes Dinner. Dass er dabei auch noch warm hält, ist beinahe sein diskretestes Talent. Die weicheren Schichten darunter sorgen dafür, dass aus Präzision keine Rüstung wird. Strick, fließende Oberteile und zurückhaltende Basics fangen die Härte von Leder und markanten Formen auf. So entsteht keine Uniform, sondern Kleidung, die zwischen unterschiedlichen Situationen wechseln kann.

Farblich beginnt die Saison dort, wo man den Herbst vermutet: bei tiefen, gedämpften Tönen, Schwarz, Braun und den dunkleren Varianten klassischer Neutralfarben. Doch Nugnes lässt diese Ruhe nicht ungestört. Kräftiges Rot unterbricht die Zurückhaltung, Animal Prints bringen eine kontrollierte Portion Unvernunft ins Bild. Beides funktioniert am besten nicht als Dekoration, sondern als gezielter Störfall. Ein roter Akzent oder ein prägnantes Muster kann einen sachlichen Look schneller verändern als mehrere zusätzliche Accessoires. Das passt zu einer Zeit, in der Luxus seltener durch offensichtliche Komplettlooks überzeugt. Interessanter ist die einzelne Entscheidung: ein besonders gut geschnittener Mantel, eine Lederjacke mit der richtigen Spannung, ein Pullover, dessen Material den Unterschied macht. „Elevated Everyday Staples“ lautet dafür die internationale Verkaufsformel. Gemeint sind Stücke, die häufig getragen werden können, ohne banal zu wirken, und auffallen, ohne das Gespräch an sich zu reißen.

Eine solche Auswahl verlangt weniger nach Masse als nach einem sicheren Blick. Nugnes 1920 führt dafür etablierte Häuser wie The Row, Alaïa, Chloé, Saint Laurent, Miu Miu und Jil Sander mit jüngeren Positionen und exklusiven Kollektionen zusammen. Entscheidend ist nicht, möglichst viele große Namen nebeneinanderzustellen. Die eigentliche Arbeit beginnt bei der Frage, welche Stücke gemeinsam ein glaubwürdiges Bild ergeben – und welche davon auch außerhalb einer Saison Bestand haben.

Dass dieser Blick aus Süditalien kommt, macht die Sache interessanter. Die Geschichte von Nugnes begann in den 1920er-Jahren als Schneideratelier im Zentrum von Trani. Gründer Giuseppe Nugnes kleidete die eleganten Männer Apuliens ein; aus dem handwerklich geprägten Betrieb entwickelte sich über vier Generationen ein international ausgerichtetes Modehaus. Heute betreibt Nugnes Boutiquen in Trani und Bari sowie einen weltweiten Onlineshop. Die geografische Erweiterung hat die Herkunft nicht ausgelöscht. Sie bleibt in einem Verständnis von Eleganz spürbar, das Präzision nie mit Nüchternheit verwechselt. Süditalien besitzt schließlich eine eigene Beziehung zur Stadtgarderobe. Licht, Architektur und gesellschaftliches Leben verlangen selbst im Herbst nicht nach jener grauen Strenge, die nördlich der Alpen gern mit Seriosität verwechselt wird. Kleidung darf körperlich bleiben, Oberflächen dürfen reagieren, Farbe darf auftreten. Darin liegt auch die Stärke der Auswahl für FW26: Die Stücke sind für den Rhythmus urbaner Tage gedacht, ohne dass „urban“ automatisch Schwarz von morgens bis Mitternacht bedeuten muss.

Die beiden Stores übersetzen diese Idee in Räume, in denen Mode, Kultur und Design zusammenkommen. The Row und Miu Miu sprechen unterschiedliche Sprachen, ebenso Alaïa und Jil Sander. Eine gute Auswahl zwingt sie nicht in Gleichklang, sondern zeigt, wie daraus eine persönliche Garderobe entstehen kann. Die Rückkehr in die Stadt bedeutet 2026 keine Rückkehr zu starren Regeln. Das Büro ist informeller geworden, Tagesabläufe sind beweglicher, Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit bleiben durchlässig. Wenn der klassische Anzug nicht mehr automatisch die Antwort liefert, müssen Schnitt, Material und Kombination umso genauer sein. „Back to the City“ beschreibt somit keinen abrupten Wechsel von Ferienfreiheit zu modischer Disziplin. Eher geht es um eine Garderobe, die wieder Konzentration aufnimmt, ohne die Leichtigkeit des Sommers vollständig abzugeben. Leder trifft auf weiche Lagen, dunkle Farben auf leuchtendes Rot, kontrollierte Silhouetten auf Animal Print. Der Herbst beginnt bei Nugnes nicht mit Verzicht, sondern mit neuer Spannung.

Die Abwesenheitsnotiz verschwindet, die Termine kommen zurück, und plötzlich gibt es wieder einen Anlass für den guten Mantel. Die Stadt verlangt viel. Wenigstens liefert sie die passende Kulisse.

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