regular

← Zur Übersicht

Jung sein, frei sein

Für Frühjahr/Sommer 2027 kehrt DAGGER in die nordirische Küstenstadt zurück, in der Gründer Luke Raine aufwuchs. Zwischen Rummelplatz, Skateboards und ersten Malen erzählt die Kollektion vom Erwachsenwerden an einem Ort, den man gleichzeitig liebt und verlassen möchte. Erwachsenwerden beginnt selten mit einer großen Erkenntnis. Eher mit einem Plastikbecher am Strand, dem ersten Lohn aus einem miserablen Ferienjob und dem Verdacht, dass nach Mitternacht niemand mehr kontrolliert, wann man nach Hause kommt. Die wirklich wichtigen Premieren des Lebens besitzen keinen roten Teppich. Sie passieren auf Parkplätzen, hinter Rummelplätzen oder in Sanddünen, in denen am nächsten Morgen noch die leeren Dosen vom Vorabend liegen. Dorthin kehrt DAGGER für Frühjahr/Sommer 2027 zurück. Die Kollektion trägt den Titel „Lifestyles of the Bored and Disenfranchised“ und führt in jene kleine nordirische Küstenstadt, in der Gründer und Kreativdirektor Luke Raine seine Jugend verbrachte. In den frühen 2000er-Jahren existierte dort eine eingeschworene Skate-Szene. Viel Geld gab es nicht, berufliche Aussichten waren überschaubar, und wer etwas erleben wollte, musste es meistens selbst organisieren.

Das Meer erscheint in dieser Geschichte nicht als Kulisse für gestreifte Pullover und gepflegte Wochenenden. Es markiert den Rand einer Welt. Hinter dem Horizont beginnt theoretisch alles, doch zunächst fährt der letzte Bus nach Hause und am Montag wartet der nächste schlecht bezahlte Job. Küstenorte können im Sommer nach Freiheit aussehen und sich wenige Monate später wie ein Wartezimmer anfühlen. Genau aus diesem Widerspruch entwickelt DAGGER seine stärksten Bilder. Unter den grellen Lichtern der Fahrgeschäfte und der ungewohnten Wärme eines langen Sommertages erzählt die Kollektion von ersten Jobs, ersten Drinks, ersten Zigaretten, ersten Küssen und den unvermeidlichen ersten Enttäuschungen. Partys in den Dünen gehen in frühmorgendliche Heimwege über, die offiziell als „Walk of Shame“ gelten könnten. Bei DAGGER fühlen sie sich eher wie kleine Unabhängigkeitserklärungen an. Wer im Morgengrauen allein nach Hause geht, hat wenigstens für einige Stunden selbst entschieden, wohin die Nacht führt.

Nostalgisch wird das nur auf den ersten Blick. Raine interessiert sich nicht für die dekorative Wiederbelebung einer Jugendkultur, die inzwischen in Moodboards, Vintage-Shops und den Archiven großer Sportmarken angekommen ist. Die frühen 2000er werden nicht als fertiger Stil zitiert, sondern als sozialer Erfahrungsraum. Skateboarding war Fortbewegungsmittel, Treffpunkt, Statussymbol und gelegentlich der einzige halbwegs überzeugende Grund, das Haus zu verlassen. Kleidung musste darin funktionieren, durfte Spuren bekommen und musste nicht nach jedem Kontakt mit Beton ersetzt werden. DAGGER macht aus dieser Vergangenheit allerdings kein persönliches Denkmal. Die jungen Menschen der Küstenstadt werden durch Figuren repräsentiert, die bereits in der Herbst-/Winterkollektion 2026 „Play Hard“ eingeführt wurden. Anstatt sie nach einer Saison gegen ein neues Casting und eine neue Erzählung auszutauschen, folgt das Label ihrer Entwicklung. Sie werden älter, bilden Beziehungen, probieren Identitäten aus und beginnen zu verstehen, welche Version ihrer selbst außerhalb des vertrauten Umfelds möglich sein könnte. Das ist in einer Industrie, die jede Saison pflichtbewusst ihre Wiedergeburt verkündet, beinahe ein ungewöhnlicher Entschluss. DAGGER verweigert die Vorstellung, dass Relevanz ausschließlich aus ständigem Austausch entsteht. Die Figuren bleiben, aber ihre Erfahrungen verändern sich. Aus jugendlicher Wut wird nicht automatisch erwachsene Gelassenheit. Manchmal wird daraus lediglich ein genaueres Bewusstsein dafür, woher die Wut eigentlich kam.

Damit erzählt die Kollektion auch von der Entwicklung der Marke selbst. DAGGER wurde 2020 gegründet, nachdem Raine unerwartet seinen Arbeitsplatz verloren hatte. Übrig blieben nach eigener Darstellung rund 300 Euro staatliche Unterstützung und ein Kündigungsschreiben, dessen letzte Zeile ihm für seine berufliche Zukunft und sein persönliches Wohlergehen alles Gute wünschte. Eine jener höflichen Formulierungen, die freundlich klingen sollen und gerade deshalb besonders unpersönlich wirken. Raine druckte den Satz auf die Rückseite eines T-Shirts. Aus dem bürokratischen Abschiedsgruß wurde das erste Motiv der Marke, aus „All the Best“ ihr dauerhaftes Motto. Die Umkehrung ist einfach, aber wirkungsvoll: Eine Formel, die eigentlich das Ende eines Arbeitsverhältnisses besiegelte, wurde zum Ausgangspunkt eines neuen Unternehmens. Vielleicht passt deshalb auch der Name so gut. DAGGER bezeichnet eine zeremonielle Klinge aus heidnischen Ritualen, ein Symbol für Abschied, Neubeginn und Veränderung. Viel Pathos für ein T-Shirt – allerdings mit einer ziemlich guten Gründungsgeschichte dahinter. Die raue DIY-Ästhetik des Labels stammt aus einer Zeit, in der Individualität nicht durch den Kauf des richtigen Komplettlooks hergestellt werden konnte. Sie entstand durch Wiederholung, Abnutzung und Improvisation. Ein Kleidungsstück wurde interessant, weil es oft getragen worden war, nicht weil sein künstlicher Used-Effekt in einer Produktbeschreibung stand. Diese Glaubwürdigkeit lässt sich industriell nur schwer reproduzieren. DAGGER versucht deshalb gar nicht erst, Jugendkultur als makellose Oberfläche zu verkaufen.

Stattdessen geht es um Kleidung als sichtbaren Teil einer Biografie. Queere Erfahrungen, die Realität der Arbeiterklasse und subkulturelle Gemeinschaften werden nicht als saisonale Themen nebeneinandergestellt. Sie überschneiden sich in den Figuren, die Raine beschreibt. Wer in einer kleinen Stadt aufwächst und nicht in das vorgesehene Bild passt, entwickelt früh ein feines Gespür für Codes: welche Schuhe Zugehörigkeit signalisieren, welcher Treffpunkt sicher ist und wie viel vom eigenen Leben im öffentlichen Raum gezeigt werden kann. Die Zusammenarbeit mit Vans erscheint in diesem Zusammenhang weniger wie eine nachträglich platzierte Markenpartnerschaft als wie eine logische Fortsetzung. Für die Show wurden Slip-Ons individuell überarbeitet. Kaum ein Schuh ist enger mit Skate-Kultur verbunden, zugleich bietet seine einfache Form genügend Fläche für persönliche Eingriffe. Statt ein neues Statusobjekt zu erfinden, verändert DAGGER einen vertrauten Gegenstand – so, wie Jugendliche ihre Kleidung seit jeher mit Stiften, Scheren, Aufnähern und sehr unterschiedlichem handwerklichem Talent bearbeiten.

Auch die Aufzeichnung der Präsentation folgt dieser Nähe. Die gesamte Show wurde ausschließlich mit einem iPhone 17 Pro fotografiert und gefilmt. Bereits das Debüt der vorherigen Saison entstand auf diese Weise. Natürlich ist ein aktuelles Smartphone längst kein romantisches Symbol finanzieller Bescheidenheit. Trotzdem verändert es die Perspektive. Die Kamera steht nicht als schweres Produktionsgerät außerhalb des Geschehens, sondern bewegt sich in jener Bildsprache, mit der Jugend heute ihre eigenen Nächte, Freundschaften und Verwandlungen dokumentiert.

Für das Styling war Marvin Lobodda verantwortlich, Haar und Make-up entwickelte Phillipp Verheyen. Benedikt Verheyen übernahm das Casting, Lukas Heerich das Music Design. Shark Beauty unterstützte die Vorbereitung der Besetzung hinter der Bühne. Entscheidend ist dabei weniger die Aufzählung einzelner Gewerke als das daraus entstehende Ensemble. Die Models wirken nicht wie neutrale Träger einer Kollektion, sondern wie Personen, deren Leben vor der Show begonnen hat und nach dem letzten Look weitergeht. Seit der Gründung ist DAGGER von einem mit wenigen Mitteln gestarteten Projekt zu einem international vertriebenen Berliner Independent-Label geworden. Die Kollektionen sind unter anderem bei Dover Street Market Paris, Antonioli und GR8 Tokyo erhältlich. Der Erfolg entfernt die Marke zwangsläufig von jener materiellen Unsicherheit, aus der sie entstanden ist. Umso wichtiger wird die Frage, wie lange sich eine Außenseitergeschichte erzählen lässt, wenn die Kleidung längst in den relevantesten Concept Stores liegt.

SS27 beantwortet sie nicht mit künstlicher Bescheidenheit. Die Kollektion behauptet nicht, dass nichts passiert sei. Sie interessiert sich vielmehr dafür, was von einer Herkunft bleibt, nachdem sich die eigenen Möglichkeiten verändert haben. Die Küstenstadt wird dabei weder zum Gefängnis noch zum romantischen Ursprung verklärt. Sie ist ein Ort, an dem Langeweile erfinderisch machen kann, Gemeinschaft aus Mangel entstehen kann und die Vorstellung einer Zukunft manchmal wichtiger ist als ein konkreter Plan. DAGGER erzählt diesen Sommer deshalb nicht als endlose Party. Hinter jedem ersten Kuss wartet die erste Trennung, hinter jedem Aufbruch die Frage, ob man tatsächlich weit genug gekommen ist. Doch für einen kurzen Moment, irgendwo zwischen dem letzten Licht des Rummelplatzes und dem ersten Bus am Morgen, scheint alles möglich. Mehr Zukunft braucht ein Teenager zunächst nicht.

Kommentar schreiben

Gefällt Ihnen was Sie sehen? Dann abonnieren Sie unseren Newsletter!