Für „Woodman Pt. 2“ übersetzt Martin Quad die Bildwelt Francesca Woodmans in verschobenes Tailoring, verhüllte Gesichter und eine Oper zwischen Laufsteg, Theater und Installation. Zwei Ärmel ergeben noch keine Symmetrie. Sitzt einer davon nur ein wenig zu hoch, verläuft eine Taille plötzlich unterhalb der Brust oder endet ein Jackett knapp über der Hüfte, wird aus vertrauter Kleidung eine irritierende Angelegenheit. Der Körper ist noch derselbe, doch seine Proportionen scheinen sich unbemerkt verschoben zu haben. Genau in diesem Moment, zwischen Wiedererkennen und Zweifel, beginnt Martin Quads Frühjahr-/Sommerkollektion 2027. „Woodman Pt. 2“ ist die neu inszenierte Berliner Fassung einer Kollektion, die während der Mailänder Modewoche gezeigt wurde. Im Rahmen von Intervention VI, der von Reference Studios kuratierten Plattform während der Berlin Fashion Week, machte der dänische Designer Martin Juncker aus der Präsentation eine opernhafte Choreografie. Die Kleidung erschien dabei nicht als stumme Hauptdarstellerin vor austauschbarer Kulisse. Sie wurde Teil einer Aufführung, in der Körper, Klang und Raum einander fortwährend veränderten.









Der Titel verweist auf die amerikanische Fotografin Francesca Woodman, deren Werk Juncker über einen längeren Zeitraum beschäftigte. Woodman fotografierte häufig sich selbst, allerdings selten im Sinne eines klassischen Selbstporträts. Ihr Körper erscheint verschwommen, angeschnitten, hinter Möbeln verborgen oder mit den brüchigen Oberflächen leerer Innenräume verbunden. Die Kamera diente ihr weniger der Bestätigung einer Identität als ihrer Auflösung. Besonders wichtig für Martin Quad ist das Motiv der Spiegelung. In Woodmans Fotografie „Self-Deceit #1“ von 1978 kniet eine Figur vor einem angelehnten Spiegel; das Gesicht ist nur als dunkle Reflexion zu erkennen. Der Spiegel klärt nichts auf. Er fügt dem Bild vielmehr eine zweite, ebenso unsichere Wirklichkeit hinzu. Juncker übernimmt daraus keine Motive, die sich bequem auf Stoff drucken ließen. Er behandelt das Spiegeln als Konstruktionsprinzip. Kleidungsstücke werden verdoppelt, versetzt, umgekehrt und in einzelne Fragmente zerlegt. Die klassische Schneiderei bleibt als Gerüst erkennbar, wird jedoch an den Stellen verändert, an denen das Auge normalerweise nicht mehr nachfragt. Revers, Schultern, Hüften und Säume befinden sich ungefähr dort, wo sie erwartet werden – nur eben nicht ganz.









Das klingt nach einer kleinen Verschiebung, hat aber erstaunlich große Folgen. Jacken fallen nicht selbstverständlich über die Hüfte, sondern schweben darüber und verändern damit die Länge des Oberkörpers. Hosen und Röcke reichen bis unter die Brust und lassen die Taille beinahe verschwinden. Gefilzte Hüte verdecken eine Gesichtshälfte, als wäre die Person bereits von ihrem eigenen Spiegelbild geteilt worden. Flüssige Seidenorganza liegt transparent über strengeren Formen und macht sichtbar, dass sich unter einem Kleidungsstück noch eine zweite Konstruktion befindet. Gerade diese Verbindung aus präzisem Tailoring und durchscheinenden Schichten bewahrt die Kollektion vor dem üblichen Dekonstruktionsreflex. Hier werden nicht wahllos Nähte nach außen gedreht, um Komplexität zu behaupten. Die Eingriffe bleiben kontrolliert. Ein Kleidungsstück darf fremd aussehen, ohne seine Funktion vollständig aufzugeben. Darin liegt die Stärke der Entwürfe: Sie benötigen ihre kunsthistorische Referenz nicht, um interessant zu sein.
Auch die weitgehend monochrome Farbwelt trägt dazu bei. Schwarz, Weiß und unterschiedliche Grautöne erinnern an Woodmans kleinformatige Schwarz-Weiß-Fotografien, ohne sie nachzustellen. Farbe hätte von den veränderten Linien ablenken können. So richtet sich der Blick auf Volumen, Material und die Frage, wo ein Körper innerhalb eines Kleidungsstücks eigentlich beginnt. Die transparenten Partien wirken dabei weniger romantisch als analytisch. Sie legen frei, was Kleidung üblicherweise zusammenhält und zugleich verbirgt.









Oper ist in der Mode ein gefährliches Wort. Es verspricht das Gesamtkunstwerk und endet nicht selten bei sehr viel Nebel, dramatischen Blicken und einem Soundtrack, der entschlossener auftritt als die Kollektion. Bei Martin Quad ist das Format jedoch keine nachträglich montierte Verzierung. Juncker schrieb die Komposition gemeinsam mit dem in Kopenhagen lebenden Künstler und Komponisten Soli City. Sie bildet das akustische Fundament der Aufführung und überträgt das Prinzip von Wiederholung und Veränderung aus der Kleidung in den Ablauf der Präsentation.
Für Bühnenbild und Art Direction zeichnet Kristian Kirk von inter.agcy verantwortlich. Der Berliner Tim Heyduck arbeitete als Stylist und Creative Consultant sowohl an der Kollektion als auch an ihrer Inszenierung. Dadurch entstand keine gewöhnliche Runway-Show mit begleitender Musik, sondern ein Zusammenhang, in dem jeder Bereich auf denselben Gedanken reagiert. Entscheidend bleibt dennoch, dass die Kleidung nicht hinter der Aufführung verschwindet. Die überzeugendsten Jacken, hochgezogenen Hosen und transparenten Lagen würden auch in einem stillen Raum bestehen.
Die Berliner Fassung ist keine bloße Wiederholung der Mailänder Premiere. Schon der Zusatz „Pt. 2“ macht deutlich, dass Juncker Präsentationen als veränderbare Arbeiten versteht. Eine Kollektion ist für ihn offenbar nicht mit ihrem ersten Auftritt abgeschlossen. Sie kann neu geschnitten, anders rhythmisiert und in einen weiteren räumlichen Zusammenhang gesetzt werden. Dass Intervention zwischen Modenschau, Ausstellung und Performance operiert, bot dafür den passenden Rahmen. Diese Arbeitsweise prägt Martin Quad seit der Gründung 2023. Das Kopenhagener Label entwickelte früh Präsentationen, deren Titel bereits eher nach Bühnenstücken als nach saisonalen Verkaufsterminen klangen: die selbst geschriebene Oper „Voici Venir Les Oiseaux!“, das vom Tod handelnde Performanceprojekt „In Loving Memory Of…“ und die pantomimische Runway-Produktion „Sixfold Fate Pt. 2“, die mit Unterstützung der Danish Arts Foundation während der Copenhagen Fashion Week gezeigt wurde.

Das junge Alter des Labels macht diesen konsequenten Einsatz von Theater bemerkenswert, aber auch riskant. Je größer die Inszenierung, desto leichter wird ein schwächeres Kleidungsstück zum Statisten. Bei „Woodman Pt. 2“ ist dieses Problem weitgehend gelöst, weil sich dieselbe Idee durch Schnitt, Material und Aufführung zieht. Woodmans Werk dient nicht als geborgte kulturelle Bedeutung, sondern als Ausgangspunkt für eine konkrete gestalterische Frage: Was geschieht, wenn Kleidung den Körper nicht bestätigt, sondern sein Bild leicht verfälscht?
Die Antwort fällt weder laut noch eindeutig aus. Martin Quad verschiebt Bekanntes so lange, bis die Sicherheit aus dem Blick gerät. Der Körper erscheint nicht schöner, größer oder heroischer. In einer Modewelt, die jedes Bild am liebsten schon vor seiner Veröffentlichung erklärt, ist das eine ziemlich elegante Form des Verschwindens.

