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Luxus unter Naturschutz

Auf den Malediven ist Natur kein hübscher Hintergrund. Sie ist Geschäftsgrundlage. Ohne intakte Riffe keine weißen Strände, ohne gesunde Meere keine Schildkröten, ohne funktionierende Ökosysteme irgendwann auch kein besonders überzeugender Grund mehr, für viel Geld in einer Villa über dem Indischen Ozean zu schlafen. Die erstaunlichste Frage des Luxustourismus lautet deshalb längst nicht mehr, wie nah ein Resort an die Natur heranbauen kann. Sondern was von dieser Natur übrig bleibt, nachdem es gebaut wurde. Soneva Jani liefert darauf eine bemerkenswerte Antwort. Das Resort im Noonu-Atoll ist als erstes Resort der Malediven offiziell als „Other Effective Area-Based Conservation Measure“, kurz OECM, anerkannt worden. Hinter dem etwas sperrigen Begriff steckt eine interessante Verschiebung: Ein Gebiet muss kein klassisches Naturschutzgebiet sein, um nachweisbar zur Erhaltung der biologischen Vielfalt beizutragen. Für eine Destination wie die Malediven ist das mehr als eine administrative Fußnote. Der Inselstaat lebt in erheblichem Maße vom Tourismus und gehört gleichzeitig zu jenen Orten, an denen ökologische Veränderungen besonders unmittelbar sichtbar werden. Korallenriffe, Mangroven, Feuchtgebiete und Strände sind hier keine voneinander getrennten Landschaftselemente. Sie bilden ein empfindliches System, in dem eine Veränderung schnell die nächste nach sich zieht.

Das anerkannte Areal befindet sich auf der Ostseite von Medhufaru, jener Insel, auf der Soneva Jani liegt. 0,41 Quadratkilometer umfasst das Gebiet – mit Korallenriffen, Strandabschnitten, Mangroven und Feuchtgebieten. Die Zahl klingt zunächst überschaubar. Ökologisch ist Fläche allerdings nicht allein eine Frage der Größe, sondern ihrer Funktion. Verschiedene Lebensräume treffen hier unmittelbar aufeinander und bieten zahlreichen Tier- und Pflanzenarten Rückzugs-, Nahrungs- und Fortpflanzungsräume. Besonders sichtbar wird das bei den Meeresschildkröten. Das Gebiet dient unter anderem der stark gefährdeten Echten Karettschildkröte sowie der Grünen Meeresschildkröte als Nistplatz. Gerade Karettschildkröten sind eng mit Korallenriffen verbunden. Ein Strand ist für sie deshalb nicht einfach ein attraktiver Küstenstreifen, sondern Teil eines Lebenszyklus, der durch Bebauung, künstliche Beleuchtung und intensive Nutzung empfindlich gestört werden kann.

Weniger fotogen, aber mindestens ebenso wichtig sind Mangroven und Feuchtgebiete. Mangroven speichern Kohlenstoff, bieten Lebensraum, stabilisieren Küsten und können die Auswirkungen von Erosion und Wellen abschwächen. Feuchtgebiete regulieren den Wasserhaushalt und verbinden unterschiedliche ökologische Zonen miteinander. Genau diese unspektakulären Funktionen geraten im klassischen Bild der Malediven leicht aus dem Blick. Türkisfarbenes Wasser verkauft schließlich mehr Reisen als ein sumpfiges Stück Inselinneres. Für das Funktionieren einer Insel kann Letzteres allerdings erheblich wichtiger sein. Der OECM-Anerkennung ging rund ein Jahr mit ökologischen Untersuchungen, Kartierungen, Monitoring und Dokumentation voraus. Verantwortlich war Soneva Conservation & Sustainability Maldives, unterstützt von der Waitt Foundation und dem Team des Resorts. Die maledivischen Behörden bestätigten anschließend den Beitrag des Gebiets zur Biodiversität. Damit beruht der Status nicht allein auf einer freiwilligen Selbstbeschreibung des Unternehmens, sondern auf dokumentierten ökologischen Kriterien.

Genau das unterscheidet die Sache von vielem, was in der Reisebranche inzwischen unter Nachhaltigkeit läuft. Kaum ein neues Hotel kommt noch ohne lokale Produkte, Wassersparprogramme, wiederverwendbare Flaschen oder irgendeine Form ökologischer Kommunikation aus. Vieles davon ist sinnvoll. Problematisch wird es, wenn aus einzelnen Maßnahmen eine große Erzählung konstruiert wird. Ein Bambusstrohhalm rettet noch kein Korallenriff. Beim OECM-Status zählt dagegen, was mit einer konkreten Fläche passiert. Soneva Jani verpflichtet sich zu jährlichem Monitoring und regelmäßiger Berichterstattung. Nach fünf Jahren wird überprüft, ob die erforderlichen Standards weiterhin erfüllt werden. Der interessante Teil beginnt also nicht mit der Auszeichnung, sondern danach. Natur lässt sich schließlich nicht dadurch konservieren, dass irgendwo ein Zertifikat abgeheftet wird.

Das verändert die Rolle des Resorts. Luxushotellerie verkauft Natur traditionell als Privileg: den ungestörten Strand, die einsame Bucht, das Hausriff direkt vor der Villa. Je exklusiver der Zugang, desto höher der Preis. Hier wird ein Teil dieser Umgebung nun formal einem Zweck zugeordnet, der nicht unmittelbar der Nutzung durch Gäste dient. Gerade darin liegt eine bemerkenswerte Umkehrung. Wert entsteht nicht nur dadurch, dass ein Ort zugänglich gemacht wird, sondern auch dadurch, dass man ihn in Ruhe lässt.

Dass ein hochpreisiges Resort dabei eine relevante Rolle spielen kann, besitzt durchaus Logik. Diese Form des Tourismus beansprucht erhebliche Ressourcen, verfügt im Gegenzug aber auch über finanzielle Mittel, Personal und Infrastruktur, mit denen Forschung, Kartierung und Schutzmaßnahmen finanziert werden können. Entscheidend ist, dass solche Investitionen überprüfbare Ergebnisse hervorbringen. Dann kann aus einer Branche, die empfindliche Landschaften wirtschaftlich nutzt, zugleich ein Akteur werden, der konkrete Schutzarbeit ermöglicht. Für Soneva ist das Thema nicht neu. Die 1995 gegründete Hotelgruppe betreibt heute Soneva Fushi, Soneva Jani und Soneva Secret auf den Malediven. Bekannt wurde die Marke mit dem Begriff „Barefoot Luxury“, später verkürzt zu „Bare Luxury“: Luxus sollte weniger durch formelle Inszenierung als durch Raum, Zeit, Privatsphäre und unmittelbaren Zugang zur Umgebung entstehen. Die OECM-Anerkennung verschiebt diesen Gedanken nun von der Gästeerfahrung auf das Gebiet selbst. Nicht nur das Erleben der Landschaft zählt, sondern auch ihr ökologischer Zustand.

Gleichzeitig fügt sich das Projekt in ein wesentlich größeres Vorhaben ein. Die Malediven arbeiten wie zahlreiche andere Staaten am internationalen 30×30-Ziel. Bis 2030 sollen weltweit 30 Prozent der Land-, Binnengewässer-, Küsten- und Meeresflächen wirksam erhalten und geschützt werden. Klassische Naturschutzgebiete allein werden dafür vielerorts nicht ausreichen. OECMs können zusätzliche Gebiete erfassen, deren Hauptfunktion eine andere ist, die aber dennoch einen belegbaren Beitrag zum Erhalt von Arten und Lebensräumen leisten. Gerade Inselstaaten machen sichtbar, warum solche Modelle relevant werden. Land ist knapp, wirtschaftliche Nutzung konzentriert sich auf begrenzte Flächen und ökologische Systeme reichen weit über Grundstücksgrenzen hinaus. Ein Korallenriff hält sich nicht an die Parzellierung eines Resorts, eine Schildkröte kennt keine Hotelgrenze und Mangroven erfüllen ihre Funktion unabhängig davon, wem das Gelände gehört. Naturschutz muss deshalb zwangsläufig mit Flächen funktionieren, die nicht ausschließlich für diesen Zweck reserviert wurden.

Vielleicht verändert sich damit auch die Vorstellung davon, was Luxus an besonders empfindlichen Orten künftig bedeuten kann. Noch größere Villen lassen sich bauen, Pools verlängern und Weinkeller weiter füllen. Knapp wird etwas anderes: intakte Landschaft. Ein gesundes Riff lässt sich nicht über Nacht bestellen, eine Mangrove nicht für die kommende Saison dekorieren und eine Schildkrötenpopulation nicht mit einem neuen Interior-Konzept zurückholen.

0,41 Quadratkilometer sind gemessen am Indischen Ozean verschwindend wenig. Für ein Resort können sie trotzdem ziemlich viel bedeuten. Denn der wertvollste Teil von Soneva Jani könnte am Ende genau jener sein, auf dem kein Gast schläft.

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