Ausgerechnet im Urlaub wieder etwas lernen? Das klingt zunächst nach einem Missverständnis. Schließlich wird für Reisen seit Jahren vor allem eines versprochen: abschalten, loslassen, möglichst wenig müssen. Gleichzeitig passiert etwas Merkwürdiges. Kochkurse sind ausgebucht, Menschen verbringen freie Wochenenden mit Keramik, backen plötzlich ihr eigenes Sauerteigbrot oder diskutieren freiwillig über Maischegärung.Offenbar reicht Nichtstun allein nicht mehr. Wer schon Zeit hat, möchte gelegentlich mit etwas nach Hause kommen, das länger hält als die Bräune.
The Thinking Traveller greift diese Lust am klügeren Reisen nun mit einem neuen Format auf. Der auf exklusive Ferienhäuser spezialisierte Anbieter erweitert sein Portfolio um einwöchige Masterclasses mit Köchen, Weinexperten, Fotografen sowie Fachleuten aus Wellness und Gartenbau. Statt Seminarraum gibt es eine private Villa, statt Namensschild am Schlüsselband einen eigenen Hügel auf Sizilien. Den Anfang macht Rocca delle Tre Contrade an der Ostküste der Insel, zwischen Ionischem Meer und Ätna.

Das Anwesen ist ein ziemlich überzeugendes Argument dafür, Unterricht nicht zwingend in nüchternen Räumen abzuhalten. Rocca delle Tre Contrade wurde 1850 als Teil eines großen Weinguts errichtet und gehörte einst zu den bedeutenden Gütern der Ätna-Region. 2012 brachten die heutigen Eigentümer die ehemalige Adelsresidenz wieder in Form. Heute stehen zwölf Schlafzimmer für bis zu 24 Gäste zur Verfügung; mit dem zusätzlichen Bauernhaus The Lodge wächst die Kapazität auf 30 Personen. Dazu kommen ein 25 Meter langer beheizter Infinity-Pool, Tennisplatz, Fitnessraum und Hamam. Vor allem aber gibt es etwas, das sich für das neue Konzept kaum inszenieren ließe: eine funktionierende Landschaft aus Zitronenhainen, Obst- und Gemüsegärten, Weinbergen und dem Vulkan am Horizont.




Die erste Masterclass vom 26. September bis 3. Oktober 2026 widmet sich folgerichtig dem Wein. Gastgeberin ist Isabelle Legeron, Frankreichs erste Master of Wine, Gründerin der internationalen RAW WINE-Messen und Autorin eines Standardwerks über Naturwein. Weltweit tragen nur wenige hundert Menschen den Titel Master of Wine – die Qualifikation gehört zu den anspruchsvollsten der Branche. Auf Sizilien wird daraus glücklicherweise kein siebentägiger Frontalunterricht über Säurewerte und Bodenbeschaffenheit. Die Teilnehmer begleiten die Weinlese, treffen Produzenten und beschäftigen sich mit Naturweinen, biologischem und biodynamischem Anbau sowie möglichst geringen Eingriffen im Keller. Das Entscheidende spielt sich also dort ab, wo Wein tatsächlich entsteht. Dass dabei am Abend vermutlich auch das eine oder andere Glas getrunken wird, dürfte dem Lernerfolg kaum schaden.
Eine Woche später wird es fermentierter. Vom 3. bis 10. Oktober übernimmt die US-amerikanische Köchin und James-Beard-Preisträgerin Cortney Burns die Rocca. Anlässlich ihres Buches „Cultured“ beschäftigt sie sich mit Konservierung, Fermentation und jener beinahe vergessenen Fähigkeit, Lebensmittel nicht einfach jederzeit frisch kaufen zu können, sondern mit einer Ernte weiterzuarbeiten.


Das klingt im Zeitalter vollgestopfter Supermarktregale fast nostalgisch, ist aber erstaunlich aktuell. Fermentation hat sich von der Vorratstechnik der Großmütter zum Liebling ambitionierter Restaurants entwickelt. Kimchi steht neben Kombucha, Koji hat längst europäische Spitzenküchen erreicht, und ein Glas selbst eingelegtes Gemüse besitzt plötzlich mehr kulinarisches Prestige als manches komplizierte Küchengerät.
Burns bleibt mit den Gästen deshalb nicht nur am Herd. Weinberge, Ölmühlen, Küste und die Hänge des Ätna werden Teil des Programms, ebenso Begegnungen mit Naturwinzern, Fischern und Bio-Produzenten. Das ist die eigentlich interessante Verschiebung des klassischen Kochkurses: Nicht das perfekte Rezept steht im Mittelpunkt, sondern die Frage, wo eine Zutat herkommt, wann sie Saison hat und was mit ihr passiert, bevor sie auf einem Teller landet.

Dabei führt kein Weg an Dora Maugeri vorbei. Die Küchenchefin von Rocca delle Tre Contrade ist so etwas wie das kulinarische Gedächtnis des Hauses. Kochen lernte sie bei ihrer Großmutter, heute verarbeitet sie Produkte aus dem eigenen Küchengarten und von den Märkten der Umgebung. Zu ihren Spezialitäten gehören rohe Meeresfrüchte, gebratenes Gemüse, Fisch und Fleisch ebenso wie Arancini al ragù und Cannoli mit gesüßtem Ricotta. The Thinking Traveller nennt sie liebevoll „die Nonna, die sich alle wünschen würden“. Marketingformulierungen dürfen gelegentlich verziehen werden, wenn jemand gute Cannoli macht.
Im Frühjahr 2027 bekommt Maugeri prominente Unterstützung aus London. Vom 24. April bis 1. Mai kommt Claire Ptak nach Sizilien. Die Gründerin von Violet Cakes arbeitete früher bei Alice Waters im legendären Chez Panisse in Kalifornien und wurde einem wesentlich größeren Publikum bekannt, als sie 2018 die Hochzeitstorte für Prinz Harry und Meghan Markle backte. Auf der Rocca geht es allerdings weniger königlich zu. Ptak beschäftigt sich gemeinsam mit Maugeri mit süßen und herzhaften Traditionen der Insel, mit Gebäck und Gelato sowie Zitrusfrüchten, Orangenblüten, Pistazien, Ätna-Birnen und Ricotta aus Schafsmilch. Maugeri steuert die sizilianischen Klassiker bei. Die Zutaten kommen nach Möglichkeit aus dem Garten oder von lokalen Märkten. Vom Buckingham Palace ist das kulinarisch erfreulich weit entfernt.

Genau darin liegt die Stärke des Formats. Masterclasses in Luxushotels sind nicht neu. Oft besteht die Exklusivität allerdings vor allem darin, dass ein bekannter Name eingeflogen wird und Gäste ihm zwei Stunden beim Kochen zuschauen dürfen. Hier dauert die Begegnung eine Woche. Gemeinsame Mahlzeiten, Ausflüge und praktische Arbeit verschieben das Verhältnis zwischen Expertin und Gast. Wissen wird nicht als kleines Extra zwischen Pool und Aperitivo eingeschoben, sondern zum eigentlichen Grund der Reise.

Dafür braucht es allerdings ein entsprechendes Budget. Die einwöchigen Programme starten bei rund 3.000 Euro pro Person, abhängig von der Zimmerkategorie; für Einzelbelegung wird ein Aufschlag von 40 Prozent berechnet. Enthalten sind sieben Übernachtungen mit Frühstück, Masterclasses und Ausflüge samt Transport, Transfers vom und zum Flughafen Catania Fontanarossa sowie sieben Mittag- und sieben Abendessen einschließlich begleitender Weine und Getränke. Auch der hauseigene Wäscheservice gehört dazu. Nur chemische Reinigung nicht. Ein bisschen Eigenverantwortung muss schließlich bleiben.
Rocca delle Tre Contrade ist zunächst das einzige Haus innerhalb des mehr als 300 Domizile umfassenden Portfolios von The Thinking Traveller, in dem dieses Retreat-Konzept angeboten wird. Das Unternehmen wurde 2002 von Rossella und Huw Beaugié gegründet und konzentriert sich auf handverlesene Villen auf Sizilien, Sardinien, in der Toskana, in Apulien, Griechenland und auf Korsika. Die Häuser sind ausschließlich über den Anbieter buchbar und werden durch Teams vor Ort betreut.Dass nun ausgerechnet eine Villa zum Ort für gemeinsames Lernen wird, passt besser zur Gegenwart als der Begriff Masterclass zunächst vermuten lässt. Luxusreisen haben lange versucht, ihren Gästen möglichst jede Anstrengung abzunehmen. Das Essen wurde serviert, der Wein eingeschenkt, die Landschaft betrachtet. Nun darf wieder geschnippelt, probiert, gefragt, geerntet und gelegentlich vermutlich auch etwas falsch gemacht werden.
Vielleicht ist das die angenehmste Form von Bildungsurlaub: Am Ende gibt es kein Zertifikat, niemand kontrolliert die Anwesenheit und die Abschlussprüfung besteht höchstens darin, zu Hause ein Glas fermentierter Zitronen zu öffnen und noch zu wissen, warum es so gut schmeckt. Weitere Infos unter The Thinking Traveller

