Es gibt Marken, die Opfer ihres eigenen Erfolgs werden. Bei Kartell genügt bis heute ein transparentes Möbelstück, und schon ist die Sache vermeintlich klar: Kunststoff, Farbe, Italien. Praktisch für das kollektive Designgedächtnis, etwas ungerecht für ein Unternehmen, das seit Jahrzehnten versucht, genau dieser Kurzformel davonzulaufen. Auf dem Salone del Mobile 2026 wird daraus beinahe ein Befreiungsschlag. Aluminium trifft auf Holz, Textilien auf Recyclingmaterialien, ein Stuhl bekommt wechselbare Kleider, eine Lampe sieht aus wie eine Schraube und ein Sessel wie ein menschliches Herz. Kartell scheint plötzlich weniger daran interessiert, aus welchem Material ein Objekt besteht, als daran, was sich damit anstellen lässt. Das ist bemerkenswert für ein Unternehmen, dessen Geschichte so eng mit der Entwicklung von Kunststoffmöbeln verbunden ist. Seit der Gründung 1949 gehörten industrielle Fertigung, neue Technologien und die Suche nach Materialien, die zuvor kaum jemand mit hochwertigem Möbeldesign verband, zum Geschäft. Kunststoff wurde dabei nicht versteckt oder als billiger Ersatz für etwas vermeintlich Wertvolleres behandelt. Er durfte glänzen, transparent sein, leuchten und ziemlich unverschämt bunt werden. Genau daraus entstand jene sofort erkennbare Kartell-Welt, die irgendwann vom Möbelhaus bis ins Museum wanderte.


2026 wird deutlich, wie weit sich Kartell inzwischen von seiner alten Gleichung „Marke gleich Kunststoff“ entfernt hat. Auf dem Mailänder Messestand fungiert Weiß als Hintergrund für eine Kollektion, die in Kapitel wie Materie, Linien, Wert, Textur, Raum, Luft, Struktur und Perspektive gegliedert ist. Das klingt zunächst nach einer ziemlich großen theoretischen Garderobe für Stühle, Tische und Lampen. Interessanter sind die Objekte selbst. Denn zwischen ihnen zeigt sich ein Kartell, das weniger geschlossen und dadurch überraschender geworden ist.Den Anfang könnte SAVOIA machen. Edward Barber und Jay Osgerby entwerfen einen Stuhl, dessen beinahe irritierend dünnes Gestell aus Aluminiumdruckguss bis in die Ar mlehnen läuft. Das Entscheidende liegt jedoch daran: Sitz und Rücken können aus recyceltem Technopolymer, gebogenem Holz oder Leder bestehen. Aus einem Entwurf werden dadurch mehrere Persönlichkeiten. Mal wirkt SAVOIA industriell und präzise, mal wärmer, beinahe klassisch. Das Material ist nicht länger das Erkennungszeichen des Produkts, sondern eine Variable. Selbst die Grenze zwischen drinnen und draußen wird aufgehoben: Der Stuhl ist für beide Bereiche konzipiert.
Noch konsequenter behandelt Erwan Bouroullec den Stuhl als veränderliches Objekt. Sein SNIK besteht aus einem Korpus aus recyceltem Technopolymer und einer Stahlstruktur. Darüber können austauschbare Bezüge gezogen werden: Bouclé, Leinen, wasserabweisend gewachste Textilien und weitere Varianten. Ein Möbelstück mit Garderobe also. Die Bezüge lassen sich entfernen und waschen, wodurch SNIK je nach Jahreszeit, Nutzung oder Raum sein Aussehen verändern kann. Das ist weniger dekorative Spielerei als eine ziemlich zeitgemäße Antwort auf die Frage, weshalb ein Möbel nach dem Kauf eigentlich für immer gleich aussehen soll. Bouroullec überträgt diese Beweglichkeit auf LAD, ein Regalsystem aus recyceltem Technopolymer, Holzoberflächen und einer Wandkonstruktion. Die einzelnen Ebenen lassen sich zu unterschiedlichen Konfigurationen zusammensetzen, erweitern und verändern. Bücher, Gegenstände und Erinnerungen landen damit nicht in einer endgültig definierten Architektur. Das Regal darf mit seinem Besitzer unordentlicher, voller oder größer werden. Möbel als abgeschlossenes Werk? Offenbar nicht zwingend.



Philippe Starck schaut währenddessen zurück. Seine GIO-Serie greift Proportionen klassischer italienischer Möbel auf, ohne daraus historische Zitate zu basteln. Filigrane Strukturen treffen auf dekorativere Sitz- und Rückenflächen. GIOTA überträgt die Idee auf einen Tisch, GIOLI auf Leuchten. Besonders amüsant gerät PRINCE OHOH: Zwei pyramidenartige Volumen treffen sich zu einer sanduhrförmigen Figur, die Hocker, Beistelltisch oder schlicht ein ziemlich eigensinniges Objekt sein kann. Starck benötigt dafür weder Transparenz noch technischen Zaubertrick. Manchmal reichen Geometrie und ein guter Name.


Auch Piero Lissoni hält sich zurück. YVE’S besteht im Wesentlichen aus einer durchgehend gebogenen Linie, die Gestell, Armlehnen und Rücken definiert. Die Konstruktion bleibt sichtbar, die Polsterung wird nicht dazu benutzt, sie verschwinden zu lassen. Struktur, Bezug und Kissen sind unabhängige Bestandteile, die unterschiedlich kombiniert werden können. Das Möbel zeigt also, wie es gebaut ist – eine beinahe altmodische Tugend in einer Zeit, in der Produkte gerne so aussehen sollen, als seien sie ohne Schraube, Naht oder menschliches Zutun auf die Welt gekommen.
Ferruccio Laviani findet seine Inspiration dagegen ausgerechnet in der Werkzeugkiste. VITE übernimmt die hexagonale Geometrie einer Schraube und macht daraus eine Wandleuchte aus recyceltem Technopolymer. Einzeln funktioniert sie als Lichtpunkt, mehrfach angeordnet als leuchtende Fläche. Daneben steht SPEIRA, ein Spiegel aus recyceltem PMMA, dessen Rahmen durch unterschiedliche Materialstärken, Reflexionen und Tiefen beinahe selbst zum Lichtobjekt wird. Kartells Erfahrung mit Kunststoff verschwindet hier keineswegs. Sie wird nur spezifischer eingesetzt.
Und dann kommt Fabio Novembre und zeichnet ein Herz.
CARDIO heißt sein Sessel, und Subtilität gehört erwartungsgemäß nicht zum Konzept. Novembre interessiert allerdings weniger das romantische Herz aus der Valentinstagsabteilung als das Organ: jenes Muskelstück, das arbeitet, während niemand darüber nachdenkt. Die anatomischen Linien werden zu einem weichen, umschließenden Polstermöbel. Man kann das pathetisch finden. Man kann sich aber auch darüber freuen, dass jemand auf einer Möbelmesse einen Sessel präsentiert, der nicht versucht, wie der hundertste freundliche Kieselstein auszusehen.





Patricia Urquiola wiederum beschäftigt sich mit Oberflächen. LEPID macht die Kanten eines Regal- und Sideboardsystems zum grafischen Element. Recycelte Holzfaserplatten in Elfenbein, Bordeaux und Senfgelb werden von kontrastierenden Linien eingefasst. Bei CESEL wandert das Experiment auf den Esstisch: Wasser-, Wein-, Cocktail- und Sektgläser, Karaffe und Tablett bestehen aus transparentem lebensmittelechtem Recyclingmaterial und erhalten ziseliert wirkende Oberflächen. Industrie ahmt hier nicht Handwerk nach, sondern übernimmt dessen kleine Unregelmäßigkeiten als Gestaltungsmittel.
Bei PINCEL wird der Pinselstrich zum Teppichmotiv, während Ferruccio Lavianis GRID das Prinzip von Kette und Schuss grafisch vergrößert. BEMBO wiederum übersetzt eine freie Tintenlinie in Relief. Interessant ist daran weniger die einzelne Zeichnung als die Tatsache, dass Kartell inzwischen selbstverständlich über Textilien, Fasern und taktile Oberflächen spricht. Ausgerechnet eine Marke, die einmal zeigte, wie faszinierend eine vollkommen glatte industrielle Oberfläche sein kann, entdeckt das Unregelmäßige.





Am deutlichsten wird die Verschiebung vielleicht bei SUPER TUBBY von Ludovica Serafini und Roberto Palomba. Das Sofa sieht aus wie ein riesiges, in sich gefaltetes Kissen. Tief, weich und modular gebaut, hat es wenig von jener visuellen Disziplin, mit der Sofas lange beweisen mussten, dass sie „Design“ sind. SUPER TUBBY darf gemütlich aussehen. Sogar ziemlich hemmungslos gemütlich. Seine wenigen Module können immer wieder neu zusammengestellt werden. Statt das Wohnzimmer mit einer perfekten Form zu dominieren, soll es benutzt, umgebaut und besetzt werden.
Selbst historische Möbelcodes werden wieder brauchbar. Beim Tisch ALBERT greifen Serafini und Palomba das geschwungene Bein französischer Möbel des 18. Jahrhunderts auf, jenes formale Vokabular, das mit André-Charles Boulle verbunden ist. Nur besteht die Konstruktion nun aus hochglanzlackiertem Aluminium und kann mit einer polierten Feinsteinzeugplatte kombiniert werden. Vergangenheit wird hier nicht ehrfürchtig konserviert, sondern durch die industrielle Fertigung geschickt. Dazwischen schweben Leuchten, Spiegel, Teppiche und eine Sonnenliege. Tokujin Yoshiokas AURA baut Licht aus sich überlagernden transparenten Flächen auf. Lavianis LUCE zieht sich als großer Bogen in den Raum. Die wieder aufgelegte NEUTRA besteht aus zwei muschelförmig aufeinandertreffenden Elementen. Und die HiRay SUNBED von Serafini und Palomba nutzt ein feines Geflecht aus verzinktem Stahldraht, das nicht nur leicht aussieht, sondern beim Einsatz im Freien die Luftzirkulation verbessert.
Damit erzählt Kartell 2026 letztlich weniger von einer neuen Kollektion als von einer alten Marke, die ihre berühmteste Eigenschaft nicht länger mit ihrer Identität verwechselt. Kunststoff bleibt wichtig. Aber daneben stehen Aluminium, Holz, Leder, Glas, Keramik, Stahl und Textilien; Recyclingmaterialien tauchen an vielen Stellen auf, Konstruktionen werden zerlegbar, Oberflächen austauschbar und Systeme veränderbar. Vielleicht ist genau das die interessantere Form von Neuerfindung. Nicht morgens aufzuwachen und alles abzuschaffen, wofür man bekannt ist. Sondern irgendwann festzustellen, dass eine große Vergangenheit auch ziemlich eng werden kann, wenn man ständig darin sitzen bleibt. Kartell steht auf. Weitere Informationen unter Kartell

