Luxus hatte einmal mit Staunen zu tun. Bevor Handtaschen Wartelisten bekamen und Algorithmen vorhersagten, welches Accessoire als Nächstes begehrt sein würde, sammelten Europas Fürsten Dinge, deren Wert gerade darin bestand, dass kaum jemand sie kannte. Muscheln aus fernen Meeren standen neben Gemmen, präparierten Tieren, wissenschaftlichen Instrumenten, Mineralien, Miniaturen und Kunstwerken. Je ungewöhnlicher die Kombination, desto besser. Die Wunderkammer war kein ordentlich sortiertes Museum, sondern ein kontrolliertes Durcheinander der Kostbarkeiten. Vielleicht ist genau deshalb die Renaissance plötzlich wieder eine interessante Adresse für die Mode. Gianni Chiarini Firenze nimmt für seine Herbst/Winter-Kollektion 2026/27 nicht irgendeinen florentinischen Palazzo zum Ausgangspunkt, sondern einen Raum, der einst selbst für das Außergewöhnliche geschaffen wurde: die Tribuna der Uffizien.





Ende des 16. Jahrhunderts ließ Francesco I. de’ Medici den achteckigen Saal von Bernardo Buontalenti errichten. Hier wurden Kunst, Natur und kostbare Objekte nicht nach heutigen Museumskategorien getrennt, sondern miteinander inszeniert. Gemälde trafen auf Skulpturen und seltene Materialien, Natur auf Kunstfertigkeit. Der Raum sollte überwältigen. Wer ihn betrat, bekam keine nüchterne Lektion in Kunstgeschichte, sondern ein ziemlich effektvolles Bild davon, was Reichtum, Wissen und menschliche Vorstellungskraft hervorbringen konnten. Gianni Chiarini übersetzt dieses Prinzip nun ins Handtaschenformat. Das klingt zunächst nach reichlich großer Kulturgeschichte für ein Accessoire. Interessant wird es dort, wo die Referenz nicht über Renaissance-Ornamente oder historische Zitate funktioniert, sondern über Material, Oberfläche und Überraschung. Statt „Florenz“ einfach auf Taschen zu drucken, beschäftigt sich die Kollektion mit der Lust am ungewöhnlichen Objekt.




Entsprechend darf es im kommenden Winter wieder opulenter werden. Nach Jahren, in denen Luxus gern möglichst leise sein wollte, tauchen Oberflächen auf, die sich nicht diskret im Hintergrund halten. Samtige Strukturen stehen neben Webpelz, Wildleder und Leder mit Tierprägungen. Leoparden- und Zebramuster kommen ebenso vor wie Oberflächen, die an Straußen- oder Aalhaut erinnern. Das Auge bekommt wieder Arbeit. Auch die Farben verlassen das Terrain höflicher Neutralität. Antique Ruby bringt ein tiefes, beinahe juwelenhaftes Rot ins Spiel, Notturno bewegt sich in dunkleren Gefilden, Schwarz liefert den notwendigen Gegenpol. Zusammen entsteht keine nostalgische Renaissance-Palette, sondern eine dunkle, satte Farbwelt, die eher an ein nächtliches Florenz als an die Postkarten-Toskana erinnert.









Eine zentrale Rolle übernimmt Sienna. Das inzwischen prägende Modell der Marke erscheint in einer Interpretation von Straußenleder, ohne tatsächlich Straußenhaut zu verwenden. Bedrucktes Satin bildet deren charakteristische Struktur nach und erzeugt damit ein interessantes Spiel mit Wahrnehmung und Material. Die Oberfläche sieht exotisch aus, ist aber konstruiert. Gerade diese kleine Täuschung passt erstaunlich gut zur Wunderkammer, in der schließlich ebenfalls nicht immer alles das war, was es auf den ersten Blick zu sein schien.








Sienna kommt als Medium, Mini und Micro. Damit wird aus demselben Entwurf je nach Größe entweder eine Tasche oder beinahe schon ein kostbares Objekt. Besonders die kleinste Variante entfernt sich vom rein Praktischen. Eine Micro Bag muss schließlich niemand ernsthaft mit dem Argument verteidigen, sie sei vernünftig. Ihr Zweck liegt woanders: in Proportion, Oberfläche und Wirkung.
Bei Dua wird stärker mit handwerklichen Techniken gearbeitet. Eine Variante erhält ein glänzendes Leder mit Aal-Print und ein Futter mit Paisley-Muster. Das eigentlich Verborgene erhält damit eine eigene dekorative Ebene. Die zweite Ausführung kombiniert weiche Wildlederstreifen auf der Front mit einem von Hand geflochtenen Lederband. Dadurch entsteht eine dreidimensionale Struktur, die weniger wie aufgesetzte Dekoration wirkt als wie eine Bearbeitung des Materials selbst. Das ist ein wichtiger Unterschied. Denn die interessantesten Stücke der Kollektion stützen sich nicht auf Logos, um Aufmerksamkeit zu erzeugen. Ihre Identität entsteht über Haptik, Flechtung, Prägung und Kontraste. Das Material übernimmt die Aufgabe, die anderswo ein Monogramm erledigt.
Auch Helena Round wird größer. Das Modell kehrt im Maxi-Format zurück und erscheint in weichem Wildleder oder Kalbfell, teilweise mit Leoparden- und Zebramustern. Handgearbeitete Einlagen verstärken den dekorativen Charakter. Eine Tasche, die sich absichtlich nicht unsichtbar macht – und damit ziemlich genau in eine Saison passt, in der das jahrelang beschworene „Quiet Luxury“ zunehmend Gesellschaft bekommt. Denn die Vorstellung, Luxus müsse zwingend beige, logoarm und möglichst unauffällig sein, zeigt inzwischen Ermüdungserscheinungen. Die Mode entdeckt wieder Muster, Glanz, Felloptiken, kräftige Farben und taktile Oberflächen. Nicht als Rückkehr zum demonstrativen Statussymbol der Nullerjahre, sondern als Reaktion auf eine Ästhetik, die zuletzt mitunter so zurückhaltend geworden war, dass selbst sehr teure Dinge aussahen, als wollten sie sich für ihre Existenz entschuldigen.








Miranda, das neue Modell der Saison, bringt etwas Ruhe in dieses Kabinett. Als vielseitigere Alltagstasche verbindet sie eine klarere Form mit handwerklichen Details. Auffälligstes Element ist ein dekorativer Gurt, der sich um den Taschenkörper legt. Statt die Konstruktion zu überladen, wird ein funktional vertrautes Element selbst zum Schmuck. Dass ausgerechnet Florenz für diese Geschichte funktioniert, ist kein Zufall. Die Stadt besitzt eine besondere Beziehung zwischen Schönheit und Herstellung. Renaissancekunst, Goldschmiedekunst, Lederverarbeitung und Mode existieren hier nicht als vollständig voneinander getrennte Welten. Noch heute gehören Werkstätten und Lederwaren ebenso zum Stadtbild wie Museen und Palazzi. Das historische Erbe kann deshalb schnell zur Last werden – oder zum ziemlich ergiebigen Materiallager.
Gianni Chiarini Firenze entscheidet sich für Letzteres. Die 1999 gegründete Marke muss dafür keine Renaissance-Taschen entwerfen. Interessanter ist die Übernahme eines viel älteren Gedankens: dass ein Gegenstand neugierig machen sollte, bevor man überhaupt erklären kann, warum. Heute ist nahezu jedes Produkt bereits gesehen, fotografiert, geteilt und bewertet worden, bevor es überhaupt im Geschäft liegt. Überraschung ist zu einer knappen Ressource geworden. Umso reizvoller erscheint die Vorstellung eines Accessoires, das nicht beim ersten Blick vollständig entschlüsselt ist.







Ein Print gibt sich als exotische Haut aus. Ein Futter versteckt Paisley im Inneren. Geflochtenes Leder verändert die Oberfläche. Samt trifft auf Felloptik, tiefes Rot auf Schwarz, Handarbeit auf industrielle Präzision. Nicht alles muss miteinander verwandt sein. Es genügt, wenn die Dinge gemeinsam Neugier erzeugen. Francesco I. de’ Medici hätte vermutlich verstanden, worum es geht. Schließlich bestand der Reiz seiner Sammlung ebenfalls nicht darin, möglichst vernünftig einzukaufen. Man wollte Dinge besitzen, bei denen die Gäste näher herantraten. Weitere Informationen unter Gianni Chiarini Firenze

