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Ein Blech, sechs Kilo Sand und sehr viel Geduld

Die besten einfachen Dinge haben meistens eine komplizierte Vergangenheit. Beim Pressed Chair gehören dazu gerissene Aluminiumbleche, kaputte Presswerkzeuge, zahllose Umformversuche und irgendwann ziemlich viele Sandsäcke. Heute steht der Stuhl so selbstverständlich da, als hätte jemand lediglich ein Stück Metall geknickt und anschließend beschlossen, es Design zu nennen. Genau darin liegt sein Witz. Was nach einer fast unverschämt simplen Konstruktion aussieht, war eine der aufwendigsten Produktentwicklungen in der Geschichte von Nils Holger Moormann.

2026 wird der Pressed Chair 15 Jahre alt. Ein Alter, in dem Möbel normalerweise entweder längst aus dem Programm verschwunden sind oder anfangen, das etwas schwere Etikett „Klassiker“ zu tragen. Der Entwurf von Harry Thaler braucht beides nicht. Zum Jubiläum bekommt er stattdessen Glanz: Die bislang nur als Sonderausführung angebotene handpolierte Aluminiumversion wird regulärer Bestandteil der Kollektion. Das klingt zunächst nach einer kosmetischen Angelegenheit. Tatsächlich verändert die Politur die Wahrnehmung eines Stuhls, dessen eigentliche Attraktion seit 2011 darin besteht, möglichst wenig zu benötigen. Das Prinzip ist schnell erklärt: Ein 2,5 Millimeter dünnes Aluminiumblech wird in Kontur gefräst und anschließend in Form gepresst. Fertig. Jedenfalls theoretisch. Es gibt keine Nieten, keine Schrauben, keine Haken, keine Ösen und keine zusätzlichen Verbindungselemente. Sitzfläche, Rücken und Beine entstehen aus demselben Stück Material. Stabil wird die Konstruktion durch Vertiefungen und Wölbungen, die beim Pressen entstehen. Sie übernehmen eine statische Funktion und liefern gleichzeitig jene Linien, an denen der Pressed Chair sofort zu erkennen ist. Damit gehört er zu jener seltenen Sorte von Gegenständen, bei denen Gestaltung und Konstruktion nicht nachträglich miteinander bekannt gemacht werden müssen. Was technisch notwendig ist, bestimmt das Erscheinungsbild. Was sichtbar ist, hat einen Grund. Dekoration wäre hier fast schon verdächtig.

Harry Thaler entwickelte den Stuhl 2011. Der aus Südtirol stammende Designer hatte zuvor eine Ausbildung als Goldschmied absolviert und später am Royal College of Art in London studiert. Diese Nähe zur unmittelbaren Bearbeitung von Material ist dem Pressed Chair anzusehen. Er wirkt weniger wie ein Möbel, das gezeichnet und anschließend technisch umgesetzt wurde, als das Ergebnis einer ziemlich direkten Frage: Wie weit lässt sich ein einziges Stück Aluminium treiben? Die Antwort ließ auf sich warten. Denn Aluminium besitzt zwar viele erfreuliche Eigenschaften, lässt sich aber nicht widerstandslos in jede gewünschte Geometrie zwingen. Während der Entwicklung rissen Bleche, Werkzeuge hielten der Belastung nicht stand und Umformversuche mussten wiederholt werden. Die vermeintliche Einfachheit erwies sich als ausgesprochen anspruchsvoll. Am Ende musste der Stuhl schließlich das tun, was jeder Stuhl tun muss: einen Menschen tragen.

Im Moormann-Labor übernahmen zunächst Sandsäcke dessen Rolle. Nachdem die Konstruktion dort standhielt, folgte die offizielle Prüfung durch den TÜV Rheinland. Heute ist der nur 2,8 Kilogramm leichte Pressed Chair für eine Belastung von maximal 120 Kilogramm ausgelegt und bis zu sechsfach stapelbar. Aluminium macht ihn zudem korrosionsbeständig, weshalb er sowohl drinnen als auch draußen funktioniert. Leichtigkeit ist hier also keine optische Behauptung, sondern lässt sich auf die Waage stellen.
Produziert wird der Stuhl nicht in einer klassischen Möbelmanufaktur, sondern bei einem Hightech-Zulieferer der Automobilindustrie in Bayern. Das ist eine dieser kleinen Verschiebungen, die den Entwurf interessanter machen. Maschinen und Fertigungswissen, die gewöhnlich Karosserieteile hervorbringen, beschäftigen sich plötzlich mit einem Stuhl. Für Moormann liegt der Betrieb trotzdem erfreulich nah am Firmensitz in Aschau im Chiemgau. Das Unternehmen bevorzugt Produzenten in der Region und beschreibt den gewünschten Radius gern als „Radl-Distanz“. Die Nähe ist dabei weniger romantische Folklore als eine Konsequenz der Produktionsweise. Wer komplizierte Produkte entwickelt, profitiert davon, mit den Menschen sprechen zu können, die sie tatsächlich herstellen. Gerade der Pressed Chair zeigt, dass industrielle Fertigung keineswegs das Gegenteil von Experiment und handwerklichem Wissen sein muss. Das Presswerkzeug mag groß sein, das Ergebnis bleibt erstaunlich fein.

Besonders deutlich wird das bei der unbehandelten Ausführung. Moormann versucht hier nicht, die Herstellung unsichtbar zu machen. Bearbeitungsspuren dürfen bleiben, leichte Unregelmäßigkeiten ebenso. Das Aluminium verändert sich mit der Zeit und macht aus einem industriell gefertigten Produkt allmählich ein individuelles Stück. Wo andere Oberflächen Perfektion simulieren, darf dieses Material erzählen, was mit ihm passiert ist. Und dann kommt ausgerechnet zum 15. Geburtstag die Poliermaschine.
Was zunächst wie ein Widerspruch klingt, ist der reizvollste Teil der neuen Version. Denn die Handpolitur radiert die Geschichte des Materials nicht aus. Sie macht sie auffälliger. Linien, Kanten und Spuren des Pressvorgangs treten im reflektierenden Aluminium stärker hervor. Aus der bisher eher matten, industriellen Erscheinung wird eine spiegelnde Fläche, die Licht und Umgebung aufnimmt. Der Stuhl beginnt optisch zu verschwinden und gleichzeitig mehr Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Ein schönes Paradox für ein Möbel, das formal kaum reduzierter sein könnte.Interessant ist auch der Zeitpunkt. Hochglanz, Chrom und polierte Metalle erleben im Interior Design seit einigen Jahren ein bemerkenswertes Comeback. Nach einer langen Phase aus Beige, Bouclé, Naturstein und beruhigend matter Wohnlichkeit darf es wieder spiegeln, blitzen und ein bisschen futuristisch aussehen. Der Pressed Chair muss dafür allerdings nicht neu erfunden werden. Er war schon da.

Gerade das unterscheidet ihn von Produkten, die im Rhythmus wechselnder Einrichtungstrends ihre Oberflächen austauschen. Die polierte Variante wirkt zeitgemäß, ohne dass der Entwurf dafür korrigiert werden müsste. Die Konstruktion bleibt dieselbe wie 2011. Lediglich das Licht verhält sich anders auf ihr.
Alternativ gibt es den Pressed Chair weiterhin in unbehandeltem Aluminium sowie glänzend pulverbeschichtet in Verkehrsweiß, Schwarz, Blaumann und Friesisch Gelb. Mit 80 Zentimetern Höhe, 51 Zentimetern Breite und einer Sitzhöhe von rund 45 Zentimetern besitzt er ziemlich normale Stuhlmaße. Normal ist an ihm sonst wenig.

Das passt zu Nils Holger Moormann. Seit 1982 entstehen in Aschau im Chiemgau Möbel, bei denen Reduktion selten mit Humorlosigkeit verwechselt wird. Viele Entwürfe stammen aus Kooperationen mit jungen Designerinnen und Designern; konstruktive Kniffe gehören ebenso zur DNA des Unternehmens wie eine gewisse Freude daran, vertraute Möbeltypen auseinanderzunehmen und neu zusammenzusetzen. Produziert wird überwiegend mit regionalen Partnerbetrieben im Chiemgau. Beim Pressed Chair führte dieses Prinzip paradoxerweise nicht zum Zusammenbauen, sondern zum Weglassen. Statt möglichst geschickt verschiedene Komponenten miteinander zu verbinden, verschwand die Verbindung gleich vollständig. Ein Stück Blech musste reichen.

Fünfzehn Jahre später ist vielleicht genau das seine eigentliche Qualität. Nicht die Tatsache, dass der Pressed Chair aus Aluminium besteht. Nicht einmal, dass er aus nur einem Stück gefertigt wird. Sondern dass die enorme technische Arbeit hinter ihm nach getaner Arbeit verschwindet. Kein Bauteil erklärt stolz, wie clever die Konstruktion ist. Kein Detail bittet um Applaus. Jetzt glänzt das Ganze lediglich ein bisschen mehr. Und nach all den gerissenen Blechen darf es das auch. Weitere Informationen unter Nils Holger Moormann

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