Die spannendsten Restaurants der Gegenwart erkennt man nicht an ihrer Küche. Zumindest nicht sofort. Bevor das erste Gericht serviert wird, entscheidet längst der Raum darüber, wie sich ein Ort anfühlt. Licht, Materialien, Akustik und Proportionen prägen den ersten Eindruck oft stärker als jede Speisekarte. Gastronomie bedeutet heute weit mehr als gutes Essen. Sie schafft Orte, an denen Menschen Zeit verbringen möchten. Genau darin liegt der eigentliche Wandel der vergangenen Jahre: Restaurants verkaufen längst nicht mehr nur Gerichte, sondern Erlebnisse. Je digitaler der Alltag wird, desto größer scheint die Sehnsucht nach Orten, die Ruhe ausstrahlen, ohne künstlich entschleunigt zu wirken. Kaum jemand sucht noch das spektakulärste Interieur. Gefragt sind Räume, die selbstverständlich erscheinen, obwohl hinter jedem Detail eine präzise gestalterische Entscheidung steht. Gute Innenarchitektur fällt deshalb nicht durch Lautstärke auf, sondern durch ihre Wirkung.

Vielleicht ist genau das der spannendste Gedanke hinter ANAMESA. Das neue Restaurant in München-Schwabing versucht nicht, mediterrane Urlaubsbilder zu reproduzieren. Stattdessen entsteht eine Architektur, die das Gefühl eines südlichen Außenraums in den Innenraum überträgt. Helle Oberflächen, natürliche Materialien und ein durchdachtes Spiel aus Licht und Proportionen schaffen einen Ort, der vertraut wirkt, ohne jemals ins Klischee abzurutschen. Für die Innenarchitektur zeichnet Sebastian Zenker verantwortlich. Der rund 220 Quadratmeter große Raum wurde nicht als klassisches Restaurant entworfen, sondern als Abfolge unterschiedlicher Situationen. Die Inspiration stammt von schattigen Gärten, Pergolen und offenen Terrassen mediterraner Häuser – allerdings nicht als dekoratives Zitat, sondern als räumliches Prinzip.
Bereits der Eingangsbereich verändert die Wahrnehmung des Raumes. Eine großzügige Tageslichtdecke vermittelt den Eindruck, unter freiem Himmel Platz zu nehmen. Das Licht fällt weich in den Raum und erinnert an Sonnenstrahlen, die durch Blätter oder Stoffbahnen gefiltert werden. Über der Bar taucht dieses Motiv erneut auf. Eine kassettierte Deckenkonstruktion mit Jutegeflecht greift die Idee der Pergola auf und verbindet die unterschiedlichen Bereiche des Restaurants zu einem harmonischen Ganzen. Auch die Materialität folgt einer klaren Handschrift. Gespachtelte Wand- und Bodenflächen verleihen dem Interieur handwerkliche Tiefe, während Travertin, Holz, Jute und textile Oberflächen Wärme erzeugen. Beige- und Brauntöne bestimmen das Bild, ergänzt durch Akzente aus Nero Assoluto, die dem Raum zusätzliche Tiefe verleihen. Türkis schimmernde Federfliesen setzen an der Bar einen feinen Kontrast. Individuell entwickelte Wandillustrationen einer Münchner Künstlerin geben dem Restaurant eine unverwechselbare Identität.


Statt den Gastraum streng zu organisieren, entwickelt sich das Interieur über unterschiedliche Ebenen und Perspektiven. Runde und rechteckige Tische wechseln sich mit Sitzbänken verschiedener Höhen ab und schaffen Zonen für intime Gespräche ebenso wie für größere Runden. Jeder Platz eröffnet einen neuen Blick auf das Restaurant und lässt den Raum immer wieder anders wirken. Den Mittelpunkt bildet eine großzügige Sitzlounge, die sich über drei Ebenen wie ein kleines Amphitheater öffnet. Von hier fällt der Blick direkt auf die offene Küche, die bewusst Teil des Gesamterlebnisses wird. Flammen, Bewegungen und handwerkliche Abläufe werden ebenso Teil des Raumerlebnisses wie Gespräche und Musik. Küche und Architektur greifen dabei unmittelbar ineinander.


Gerade diese räumliche Offenheit bildet die Grundlage des gastronomischen Konzepts. ANAMESA folgt keinem klassischen Tagesablauf mit klar getrennten Angeboten. Stattdessen entwickelt sich der Tag fließend – vom ersten Kaffee bis zum späten Dinner. Auch kulinarisch setzt sich dieses Prinzip fort. Statt Frühstück, Lunch und Dinner strikt voneinander zu trennen, begleitet ANAMESA den gesamten Tag. Morgens bestimmen Kaffeeduft, frisches Gebäck und mediterran inspirierte Brunchgerichte das Bild. Klassiker wie Shakshuka oder ein Carbonara-Omelette mit Guanciale, Pecorino und schwarzem Trüffel zeigen, dass vertraute Rezepte nicht kopiert, sondern zeitgemäß weitergedacht werden. Die Küche orientiert sich an den Aromen des Mittelmeerraums, bleibt dabei jedoch bewusst offen für internationale Einflüsse.

Mit dem Abend verändert sich der Charakter des Restaurants beinahe unmerklich. Das Licht wird wärmer, Gespräche dauern länger und die offene Küche rückt stärker ins Zentrum. Serviert wird im Mesa Style, einer Form des gemeinsamen Essens, bei der Gerichte bewusst geteilt werden. Mediterrane Zutaten treffen auf überraschende Kombinationen – etwa gegrillter Pulpo mit Kimchi, schwarzer Hummus mit Tahin und Granatapfel oder Seebrasse mit Orangenfenchel. Die Küche bleibt dabei ihrer Herkunft treu, ohne sich an traditionelle Grenzen zu halten. Auch die unterschiedlichen Bereiche des Restaurants unterstützen dieses Konzept. Der Chef’s Table eröffnet unmittelbare Einblicke in die Arbeit der Küche, während der Private Dining Room Raum für kleinere Gesellschaften oder Besprechungen bietet. Im Sommer erweitert die Terrasse an der Leopoldstraße das Restaurant ganz selbstverständlich nach draußen.
Mit ANAMESA to go wird das Konzept konsequent weitergedacht. Das angrenzende Café versteht sich nicht als eigenständiger Betrieb, sondern als unkomplizierte Ergänzung des Restaurants. Kaffee, Matcha, Sandwiches, Bowls oder süße Kleinigkeiten begleiten den schnellen Lunch ebenso wie den kurzen Zwischenstopp im Alltag. Dieselbe Handschrift bleibt erhalten – lediglich das Tempo verändert sich. Bemerkenswert ist die Konsequenz, mit der Sebastian Zenker den Entwurf entwickelt hat. Statt dekorativer Effekte setzt die Innenarchitektur auf langlebige Qualitäten. Materialien, Blickachsen und Proportionen wirken präzise, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Gerade diese Zurückhaltung verleiht dem Restaurant seine besondere Identität.


In einer Zeit, in der viele neue Restaurants vor allem mit spektakulären Konzepten Aufmerksamkeit erzeugen wollen, setzt ANAMESA auf etwas Dauerhafteres: eine präzise Architektur, eine durchdachte Dramaturgie und eine Küche, die den Raum ergänzt, statt ihn zu dominieren. Vielleicht beginnt die Zukunft moderner Gastronomie tatsächlich nicht mit dem ersten Bissen, sondern in dem Moment, in dem ein Raum das Gefühl vermittelt, genau am richtigen Ort angekommen zu sein. Weitere Informationen unter ANAMESA und Sebastian Zenker

