Die spannendsten Ideen der diesjährigen 3daysofdesign hatten erstaunlich wenig mit Neuheiten zu tun. Während in Kopenhagen neue Kollektionen, Materialien und Technologien vorgestellt wurden, schien sich zwischen den historischen Fassaden der Stadt eine andere Frage in den Vordergrund zu schieben: Welche Dinge verdienen es überhaupt noch, lange zu bleiben? In einer Zeit, in der Produkte immer schneller auf den Markt kommen und ebenso schnell wieder verschwinden, wirkt diese Frage beinahe ungewohnt. Genau deshalb entwickelte die gemeinsame Ausstellung von Mazo und DCW éditions eine besondere Anziehungskraft. Statt über das Morgen zu sprechen, beschäftigte sie sich mit etwas, das zunehmend selten geworden ist: Dauer.



Design war lange eng mit dem Versprechen des Neuen verbunden. Jede Saison brachte neue Farben, neue Formen, neue Trends hervor. Über Jahrzehnte funktionierte dieses Prinzip nahezu widerspruchslos. Heute scheint sich der Blick zu verändern. Nicht nur in der Designwelt, sondern auch in Architektur, Mode und Kultur wächst das Interesse an Objekten, die sich dem schnellen Wechsel entziehen. Möbel werden restauriert statt ersetzt. Vintage erlebt eine Renaissance. Junge Sammler interessieren sich zunehmend für Klassiker, während Hersteller darüber nachdenken, wie Produkte altern statt wie sie verkauft werden. Die Idee von Beständigkeit hat eine neue Aktualität bekommen. Vor diesem Hintergrund wirkte „Rooted in Time“ weniger wie eine Ausstellung und mehr wie eine Beobachtung unserer Gegenwart. Der Titel war bewusst gewählt. Verwurzelt in der Zeit bedeutete hier nicht, an Vergangenem festzuhalten. Vielmehr ging es um die Frage, warum manche Entwürfe Jahrzehnte überdauern, während andere nach kurzer Zeit wieder verschwinden. Was macht ein Objekt relevant, wenn der Zeitgeist längst weitergezogen ist? Warum begleiten manche Möbel Generationen, während andere kaum die nächste Saison erleben?
Mazo und DCW éditions näherten sich diesen Fragen nicht theoretisch. Statt großer Thesen standen konkrete Objekte im Mittelpunkt. Möbel und Leuchten aus unterschiedlichen Jahrzehnten teilten denselben Raum. Sie konkurrierten nicht miteinander. Niemand erklärte, welches Stück historisch und welches neu war. Vielmehr entstand der Eindruck einer fortlaufenden Geschichte, die keinen klaren Anfang und kein eindeutiges Ende kannte. Alte und neue Entwürfe begegneten sich auf Augenhöhe. Die Gemeinsamkeiten waren größer als die Unterschiede. Diese Haltung passt zu einer Generation, die zunehmend bewusster auswählt. Weniger besitzen, dafür besser. Nicht jedes Jahr neu kaufen, sondern in Dinge investieren, die Charakter entwickeln. Viele junge Wohnungen wirken heute fast kuratierter als luxuriös. Ein geerbter Stuhl steht neben einem zeitgenössischen Tisch. Eine Vintage-Leuchte ergänzt ein modernes Sofa. Persönlichkeit entsteht nicht mehr durch Perfektion, sondern durch Geschichten. Genau diese Entwicklung spiegelte die Ausstellung wider.



Dabei könnten die beiden beteiligten Marken unterschiedlicher kaum wirken. Mazo stammt aus Dänemark und bewegt sich seit Jahren souverän zwischen skandinavischer Designgeschichte und zeitgenössischen Entwürfen. DCW éditions wiederum bringt eine französische Perspektive auf Licht und Architektur ein. Dennoch verbinden beide Häuser einen gemeinsamen Gedanken: Gute Gestaltung entsteht nicht für den Moment. Sie gewinnt ihren Wert über die Zeit. Besonders deutlich zeigte sich das an den Neuheiten. Mazo präsentierte mit dem MAG Dining Chair und dem passenden Bar Chair Möbel, die nicht auf spektakuläre Effekte setzten. Entworfen von Magnus Sangild und Vương Kim Daniel, kombinierten sie massive Eiche mit Stahl und wirkten dabei erstaunlich selbstverständlich. Manche Möbel versuchen Aufmerksamkeit zu erzeugen. Diese Entwürfe taten das Gegenteil. Sie vermittelten das Gefühl, schon immer da gewesen zu sein. Vielleicht ist genau das die höchste Form von Gestaltung: etwas Neues zu schaffen, das unmittelbar vertraut erscheint.
Ähnlich verhielt es sich mit „In Fine“, der neuen Leuchte von DCW éditions. Entwickelt von Gaëlle Lauriot-Prévost und Dominique Perrault, wirkte sie beinahe wie eine architektonische Skizze im Raum. Eine feine Linie aus Licht, reduziert auf das Wesentliche. Nichts Überflüssiges, keine dekorativen Gesten, keine Effekte. Stattdessen Präzision, Klarheit und eine stille Eleganz, die erst nach und nach ihre Wirkung entfaltete. Gerade diese Zurückhaltung machte den Entwurf bemerkenswert. Bemerkenswert war auch die Atmosphäre, die Mazo und DCW éditions schufen. Während viele Präsentationen während der Designwoche auf Inszenierung, Dynamik und visuelle Reize setzten, entstand hier ein Ort der Entschleunigung. Besucher blieben länger als geplant. Gespräche entwickelten sich zwischen Möbeln und Leuchten, zwischen Kaffee und Nachmittagssonne. Ein Affogato wurde wichtiger als der nächste Termin. Die Ausstellung verlangte keine Aufmerksamkeit. Sie gewann sie auf natürliche Weise.



Vielleicht liegt darin ihre eigentliche Relevanz. Die Debatte über Nachhaltigkeit wird häufig über Materialien, Produktionswege oder Lieferketten geführt. All das ist wichtig. Gleichzeitig beginnt Nachhaltigkeit oft viel früher – bei der Entscheidung, etwas zu schaffen, das lange genug existiert, um überhaupt nachhaltig werden zu können. Ein Möbelstück, das zwanzig Jahre genutzt wird, erzählt eine andere Geschichte als eines, das nach drei Jahren ersetzt wird. Eine Leuchte, die Generationen begleitet, besitzt eine andere Bedeutung als ein kurzfristiger Trend.
Rückblickend gehörte „Rooted in Time“ deshalb zu den leiseren, aber nachhaltigeren Beiträgen der 3daysofdesign 2026. Nicht weil die Ausstellung spektakulär gewesen wäre. Sondern weil sie einen Gedanken sichtbar machte, der weit über Design hinausreicht. In einer Gegenwart, die ständig nach dem Nächsten sucht, erinnerte sie an den Wert des Bleibenden. Und vielleicht war genau das eine der modernsten Botschaften, die während dieser Tage in Kopenhagen zu entdecken waren. Weitere Informationen unter Mazo und DCW éditions

