Vasen haben ein merkwürdiges Talent. Sie gehören zu den wenigen Objekten eines Hauses, die selbst dann funktionieren, wenn sie leer sind. Vielleicht erklärt genau das ihre besondere Stellung im Design. Anders als Möbel oder Leuchten müssen sie keine konkrete Aufgabe erfüllen, um ihre Berechtigung zu haben. Sie stehen im Raum, begleiten den Alltag und verändern mitunter die Wirkung eines ganzen Interieurs. Die neue Tulip Vase Porcelain von Bernadotte & Kylberg und Gustavsberg versteht genau dieses Prinzip. Sie versucht nicht, die Hauptrolle zu spielen. Stattdessen setzt sie auf eine Eigenschaft, die im zeitgenössischen Design selten geworden ist: Selbstverständlichkeit. Während vielerorts immer größere Gesten, auffälligere Formen und immer neue Trends um Sichtbarkeit konkurrieren, verfolgt die schwedische Neuheit einen anderen Ansatz. Ihre Wirkung entsteht nicht durch Inszenierung, sondern durch Präzision.
Auf den ersten Blick erscheint die Tulip Vase beinahe vertraut. Die weichen Konturen erinnern entfernt an eine Blüte, ohne jemals in dekorative Romantik abzurutschen. Die Linien bleiben klar, ausgewogen und angenehm unaufgeregt. Gerade diese Balance macht den Entwurf interessant. Die Vase besitzt eine skulpturale Präsenz, ohne sich in den Vordergrund zu drängen. Sie funktioniert mit einem üppigen Strauß ebenso überzeugend wie als eigenständiges Objekt auf einem Tisch oder Sideboard. Genau darin liegt die Kunst vieler skandinavischer Entwürfe: Sie beanspruchen keinen Raum, sondern verbessern ihn.


Entstanden ist die Vase aus der Zusammenarbeit von Bernadotte & Kylberg und der traditionsreichen Porzellanmanufaktur Gustavsberg. Das Designstudio von Carl Philip Bernadotte und Oscar Kylberg gehört seit Jahren zu den spannendsten Stimmen des zeitgenössischen schwedischen Designs. Bekannt sind die beiden Gestalter für Arbeiten, die moderne Formgebung mit handwerklicher Präzision verbinden, ohne nostalgisch zu wirken. Ihre Entwürfe finden sich in Hotels, Privathäusern und Designsammlungen ebenso wie bei internationalen Marken. Die Tulip-Serie zählt dabei zu den bekanntesten Projekten des Studios. Was einst mit Windlichtern, Kerzenhaltern und einer Glasvase begann, erhält nun eine neue Interpretation in Porzellan.
Die Entscheidung für Bone China ist dabei weit mehr als eine Materialfrage. Kaum ein Werkstoff besitzt eine vergleichbare Geschichte. Ursprünglich entwickelt, um die Qualitäten asiatischen Porzellans nachzuahmen, gilt Bone China bis heute als eine der anspruchsvollsten Formen keramischer Herstellung. Seine besondere Mischung verleiht ihm eine fast überraschende Kombination aus Leichtigkeit und Stabilität. Charakteristisch sind die außergewöhnliche Weiße, die feine Transparenz und eine Oberfläche, die Licht nicht einfach reflektiert, sondern beinahe aufnimmt. Genau diese Eigenschaft verleiht der Tulip Vase ihre besondere Ausstrahlung. Je nach Tageszeit verändert sich ihre Wirkung. Morgens erscheint sie fast schwerelos, im direkten Sonnenlicht entwickelt sie Tiefe, während sie am Abend eine ruhige, beinahe skulpturale Präsenz entfaltet. Dadurch wirkt die Vase nie statisch. Sie reagiert auf ihre Umgebung und wird Teil des Raumes.
Gefertigt wird sie in Gustavsberg südöstlich von Stockholm. Der Name ist in Schweden eng mit der Geschichte des Porzellans verbunden. Seit 1825 entstehen hier keramische Arbeiten, die Generationen begleitet haben. Während viele traditionelle Produktionen längst ausgelagert wurden, wird in Gustavsberg weiterhin mit einem Wissen gearbeitet, das über Jahrzehnte gewachsen ist. Gerade in einer Zeit, in der industrielle Perfektion häufig mit Austauschbarkeit einhergeht, gewinnt diese Verbindung von Erfahrung und Fertigung eine neue Bedeutung. Das Interesse an Herkunft, Materialwissen und langlebigen Produkten wächst spürbar. Design wird zunehmend danach beurteilt, wie lange es relevant bleibt und nicht, wie schnell es Aufmerksamkeit erzeugt.


Diese Entwicklung lässt sich auch in der aktuellen Wohnkultur beobachten. Lange dominierten kurzlebige Trends, ständig wechselnde Farbwelten und saisonale Stilrichtungen. Heute wächst die Wertschätzung für Objekte mit Bestand. Dinge, die nicht nach wenigen Monaten ersetzt werden müssen, sondern über Jahre hinweg Teil eines Zuhauses bleiben können. Gerade deshalb erlebt Porzellan derzeit eine bemerkenswerte Renaissance. Es wird nicht mehr nur als funktionales Material verstanden, sondern als kultureller Werkstoff mit Geschichte, Charakter und handwerklicher Tiefe.
Die Tulip Vase bewegt sich genau in diesem Spannungsfeld zwischen Gegenwart und Tradition. Sie nutzt ein Material mit langer Vergangenheit, ohne historisierend zu wirken. Ihre Formensprache ist modern, ohne modisch zu sein. Vielleicht liegt darin ihre eigentliche Qualität. Sie möchte weder provozieren noch beeindrucken. Stattdessen entsteht etwas deutlich Schwierigeres: ein Objekt, das auch nach Jahren noch relevant wirkt. Nicht weil es einem Trend folgt, sondern weil es auf etwas setzt, das Moden überdauert – gute Proportionen, sorgfältige Fertigung und die seltene Fähigkeit, mit wenig sehr viel zu sagen. Weitere Informationen unter Bernadotte & Kylberg Fotos © Jonas Lindström

