Vergiss alles, was man sich unter Provence so zurechtlegt. Kein Lavendel-Klischee, kein goldenes Spätnachmittagslicht, das sich wie ein Filter über alles legt. Stattdessen eine Zufahrt, die sich langsam durch karge Vegetation zieht, Stein, Wind, ein paar verstreute Zypressen. Und dann, fast beiläufig, öffnet sich die Domaine du Grand Fontanille. Kein Auftritt, eher ein Ankommen.
Am Rand der Alpilles, dort, wo die Landschaft schroffer wird und die Linien klarer, liegt dieses Anwesen wie eine eigene Welt. Die Bastide aus dem 17. Jahrhundert steht nicht als Kulisse, sondern als Zentrum eines Gefüges, das sich über Jahre neu formiert hat. Die doppelläufige Treppe, die Gärten, die Brunnen – sie sind da, aber sie drängen sich nicht auf. Alles wirkt, als hätte es sich selbst sortiert.


Die Geschichte dieses Ortes beginnt nicht mit einer großen Vision, sondern mit einem leisen Moment: dem Wiederentdecken. Als die Familie Leuschner das Anwesen fand, war es gezeichnet von Zeit und Stillstand. Kein spektakulärer Verfall, eher ein langsames Verschwinden. Was folgte, war kein schneller Umbau, sondern ein präzises Zurückführen. Materialien wurden respektiert, Strukturen gelesen, Eingriffe bewusst reduziert. Ziel war nicht Perfektion, sondern Kontinuität.
Parallel dazu begann ein Prozess, der tiefer ging als Architektur. Die Landschaft selbst wurde wieder aktiviert. Rebflächen, die lange brachlagen, wurden neu angelegt, Böden analysiert, alte Zusammenhänge rekonstruiert. Unterstützt von lokalen Winzern und Handwerkern entstand Schritt für Schritt ein funktionierendes System. Kein nostalgischer Rückgriff, sondern ein bewusstes Weiterdenken regionaler Praxis.


Heute umfasst die Domaine rund 60 Hektar, ein Großteil davon unberührt, durchzogen von Wäldern, Wiesen, Wegen. Die Weinberge nehmen nur einen Teil ein – 4,5 Hektar, konzentriert, präzise bewirtschaftet. Es ist diese Entscheidung gegen Größe, die den Charakter des Weinguts bestimmt. Qualität entsteht hier nicht durch Expansion, sondern durch Fokus.
Auffällig ist, wie sehr das Anwesen als lebendiges Ökosystem funktioniert. Tiere bewegen sich frei über die Flächen, übernehmen Aufgaben, die anderswo Maschinen erledigen. Schafe halten das Gras kurz, Pferde ziehen Pflüge, Schweine durchwühlen den Boden. Es sind Bilder, die leicht romantisch wirken könnten, hier aber eine klare Funktion haben. Landwirtschaft als Kreislauf, nicht als Eingriff.
Diese Haltung setzt sich im Wein fort. Die Domaine produziert zertifizierte Bio-Weine, getragen von Rebsorten wie Syrah, Grenache und Cabernet Sauvignon. Doch entscheidend ist weniger die Rebsorte als die Art, wie mit ihr gearbeitet wird. Jede Parzelle wird einzeln gelesen, jede Entscheidung angepasst. Der Anspruch ist nicht, einen Stil zu reproduzieren, sondern Jahr für Jahr neu zu reagieren.



Nicolas Jourdan, der das Weingut heute leitet, bringt dafür die nötige Mischung aus Erfahrung und Offenheit mit. Aufgewachsen in Arles, geprägt von einer Winzerfamilie, verbindet er regionale Verwurzelung mit internationalem Blick. Seine Ausbildung im Burgund und die Arbeit auf der Domaine Hauvette haben ihn gelehrt, dass Präzision und Intuition kein Widerspruch sind. Seine Weine folgen genau dieser Logik: klar, strukturiert, ohne laut zu werden.
„La Source“ etwa zeigt Tiefe, ohne schwer zu wirken. „Le Carré“ konzentriert sich ganz auf Syrah, dicht, aber nicht überladen. Der Rosé bleibt kühl und direkt, während der Brut Rosé eine fast unerwartete Spannung entwickelt. Es sind Weine, die nicht gefallen wollen, sondern bestehen.
Im Hintergrund wächst bereits die nächste Generation heran. Leonie Leuschner kennt diesen Ort nicht als Projekt, sondern als Teil ihrer eigenen Geschichte. Zwischen Deutschland und der Provence aufgewachsen, hat sie früh gelernt, zwischen unterschiedlichen Welten zu navigieren. Heute bringt sie genau diese Perspektive ein. Ihr Blick ist weniger nostalgisch, eher analytisch – und gerade deshalb sensibel für das, was erhalten werden muss.



Gemeinsam mit ihrem Zwillingsbruder Ullrich entwickelt sie die Domaine weiter. Nicht als Bruch, sondern als Fortschreibung. Neue Ideen entstehen, ohne das Bestehende zu verdrängen. Es geht nicht um Expansion, sondern um Schärfung. Um die Frage, wie ein Ort relevant bleibt, ohne sich zu verlieren.
Auch für Besucher bleibt die Domaine bewusst zurückhaltend. Verkostungen sind möglich, aber sie folgen keinem festen Drehbuch. Man bewegt sich durch Räume, durch Landschaft, durch Prozesse. Der Wein ist dabei nur ein Teil einer größeren Erzählung. Es geht um Zusammenhänge, um Zeit, um Herkunft.
Am Ende bleibt ein Eindruck, der sich schwer greifen lässt. Die Domaine du Grand Fontanille funktioniert nicht über Bilder, die man sofort mitnimmt. Eher über eine Atmosphäre, die nachwirkt. Ein Ort, der sich nicht erklärt, sondern sich langsam erschließt. Und genau darin liegt seine Stärke. Weitere Informationen unter Domaine du Grand Fontanille
