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Formen im Fluss

Was Agape zur Milano Design Week 2026 zeigt, ist weniger eine Kollektion im klassischen Sinne als eine fortlaufende Auseinandersetzung mit einer Frage, die sich durch die Geschichte der Marke zieht: Was passiert, wenn man grundlegende Formen nicht als gegeben hinnimmt, sondern immer wieder neu befragt. Es geht nicht um radikale Brüche, sondern um Verschiebungen, um ein präzises Weiterdenken, das sich von Objekt zu Objekt fortsetzt und dabei eine eigene Logik entwickelt. Archetypen werden nicht zitiert, sondern verändert, Grenzen nicht aufgehoben, sondern neu definiert. Genau in diesem Spannungsfeld bewegt sich die diesjährige Präsentation – ruhig, konzentriert und mit einer Klarheit, die sich erst auf den zweiten Blick vollständig erschließt.

Besonders deutlich wird das in der Zusammenarbeit mit David Chipperfield. Mit Tambre entsteht ein Objekt, das sich der üblichen Trennung von Funktionen entzieht. Badewanne und Waschbecken erscheinen hier nicht mehr als zwei separate Einheiten, sondern als zusammenhängende Form, gedacht aus einer einzigen Bewegung heraus. Die Konstruktion bleibt sichtbar, horizontal geschichtetes Holz bestimmt die Struktur, während Materialität und Proportion eine ruhige, fast zurückgenommene Präsenz erzeugen. Die warme Oberfläche des Okoumé-Holzes bringt eine taktile Qualität ins Spiel, die dem Objekt etwas Intimes verleiht, ohne ins Dekorative zu kippen. Die Integration technischer Elemente erfolgt so konsequent, dass sie zwar zugänglich bleiben, visuell jedoch kaum in Erscheinung treten. Was zunächst wie eine formale Geste wirkt, erweist sich bei näherer Betrachtung als räumliche Setzung: Das Badezimmer wird nicht mehr als funktionale Abfolge verstanden, sondern als zusammenhängender Ort, der Nutzung, Bewegung und Wahrnehmung neu organisiert.

Auch die Weiterentwicklungen bestehender Systeme folgen dieser Haltung. Mit Fuente erweitert Patricia Urquiola das Bloque-System um eine neue Typologie, ohne dessen Grundstruktur infrage zu stellen. Ein Einbauwaschbecken, das zwei geometrische Prinzipien miteinander verbindet – die Weichheit eines Halbkreises und die Strenge eines Quadrats –, fügt sich in eine Architektur aus Flächen und Volumen ein, die weniger Möbel als vielmehr räumliche Struktur ist. Gleichzeitig wird die Materialität weiter differenziert, etwa in der Kollektion Cenote, deren Oberflächen zwischen rauer Textur und dichter, fast mineralischer Präsenz changieren. Neue Farbtöne erweitern das Spektrum, ohne die ursprüngliche Idee zu verwässern. Es geht nicht um Variation als Effekt, sondern um ein präzises Austarieren von Form, Farbe und Oberfläche, das den Objekten eine subtile Spannung verleiht.

Eine andere Dynamik bringen Neri&Hu in die Kollektion ein. Mit Pitch entsteht eine Serie von Accessoires, die nicht statisch gedacht sind, sondern über Bewegung definiert werden. Elemente drehen sich, gleiten, verschieben sich und reagieren auf Nutzung. Inspiriert von Prinzipien traditioneller chinesischer Architektur wird das Badezimmer hier als wandelbare Struktur verstanden, als ein System von Beziehungen, das sich erst im Gebrauch vollständig erschließt. Auch Immersion, die Neuinterpretation der japanischen Badewanne, folgt dieser Logik: kompakt, reduziert, auf eine klare Körperhaltung ausgelegt. Der Raum wird hier nicht dekoriert, sondern strukturiert, die Nutzung nicht vorgegeben, sondern angedeutet.

Material wird bei Agape nicht als Oberfläche verstanden, sondern als Ausgangspunkt. Das zeigt sich besonders in den Arbeiten von Marco Zito. Mit Massicci wird Glas nicht verfeinert, sondern an seine Grenzen geführt. Gegossen und als Volumen gedacht, entwickelt es eine physische Präsenz, die sich dem Erwartbaren entzieht. Die leichte Unregelmäßigkeit der Oberfläche bleibt sichtbar und wird zum Teil des Ausdrucks. In Kombination mit Beton entsteht ein bewusst gesetzter Kontrast, der dem Objekt eine neue Eigenständigkeit im Raum gibt. Auch die Weiterentwicklungen von Benedini Associati folgen diesem Ansatz. Ob in der monumentalen Ruhe der Memory-Kollektion, der strukturellen Klarheit von Nudo XL oder der überarbeiteten OLC-Serie – es geht immer um das Verhältnis von Form, Material und Raum, um eine Sprache, die sich nicht an Trends orientiert, sondern an innerer Konsequenz.

Selbst die Neuauflagen, etwa der Schwob Table von Angelo Mangiarotti und Bruno Morassutti, oder die Vasenkollektion Variazioni, zeigen, dass Agape Vergangenheit nicht konserviert, sondern aktiv weiterführt. Konstruktion, Gewicht, Balance – alles bleibt sichtbar, alles ist Teil der Gestaltung. Die Form entsteht nicht als abgeschlossenes Ergebnis, sondern als Prozess, der offen bleibt und sich mit jeder Ausführung leicht verändert.

So ergibt sich ein Gesamtbild, das sich nicht über einzelne Highlights definiert, sondern über eine Haltung. Agape arbeitet nicht an Produkten, sondern an Beziehungen: zwischen Objekt und Raum, Material und Nutzung, Tradition und Gegenwart. Die Milano Design Week wird damit nicht zur Bühne für Neuheiten, sondern zu einem Moment der Verdichtung, in dem ein fortlaufender Gedanke sichtbar wird – präzise, reduziert und mit einer Konsequenz, die sich nicht erklären muss. Weitere Informationen unter Agape

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