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Zwischen Falte und Form

Man übersieht es leicht. Ein Material, das nie im Vordergrund stand, weil es immer nur da war, um etwas anderes zu schützen. Im Fall von ISSEY MIYAKE sind es dünne, gefaltete Papierschichten, die beim Plissieren entstehen – Nebenprodukt, Zwischenzustand, eigentlich ohne eigene Bestimmung. Während der Milan Design Week rückt genau dieses Material in den Mittelpunkt. „The Paper Log: Shell and Core“ zeigt im Store an der Via Bagutta keine fertige Kollektion, sondern einen Prozess: vom Rest zum Ausgangspunkt.

Der sogenannte Paper Log wirkt zunächst unspektakulär. Ein gepresster Zylinder aus Schichten hauchdünnen Papiers, etwa 80 Zentimeter hoch, kompakt, mit einer Struktur, die an Baumringe erinnert. Je länger man hinsieht, desto mehr wird daraus. Spuren von Druck, Rhythmus, Wiederholung – eingeschrieben in jede einzelne Falte. Ein Material, das nicht neutral ist, sondern bereits eine Geschichte trägt, lange bevor es als Objekt wahrgenommen wird.

Für Satoshi Kondo beginnt genau hier die eigentliche Arbeit. Nicht mit der Frage, was man daraus machen kann, sondern was bereits darin steckt. Der Zylinder wird geschnitten, geöffnet, geschält, neu zusammengesetzt. Mal bleibt er roh, mal wird er behandelt, gehärtet, fixiert. Die Eingriffe sind sichtbar, nichts wird verborgen oder geglättet. Aus einem funktionalen Zwischenprodukt entstehen Objekte, die sich bewusst einer klaren Zuordnung entziehen: Hocker, Strukturen, Hüllen, Fragmente, die zwischen Zustand und Funktion pendeln.

Entscheidend ist die Zusammenarbeit mit Ensamble Studio. Während das Team von Miyake aus der Logik von Kleidung denkt – Schichtung, Bewegung, Distanz zum Körper –, bringt das Architekturbüro eine andere Perspektive ein. Volumen, Gewicht, Stabilität. Zwei Denkweisen, die sich nicht angleichen, sondern parallel existieren. Genau daraus entsteht Spannung. Es geht nicht darum, einen gemeinsamen Nenner zu finden, sondern Differenzen sichtbar zu machen und produktiv zu nutzen.

Die Installation selbst folgt dieser Dualität. „Shell“ und „Core“ beschreiben keine Kategorien im klassischen Sinn, sondern zwei Arten, mit demselben Material umzugehen. Die Arbeiten von Ensamble Studio – Shell – wirken leicht, fast flüchtig. Dünne Papierschichten werden von der Rolle gelöst, über Formen gelegt, fixiert. Stühle, Liegen, amorphe Objekte entstehen, die aussehen, als wären sie in einem Moment der Bewegung angehalten worden. Jede Falte bleibt sichtbar, jede Spur des Materials wird konserviert. Es ist, als würde man etwas betrachten, das sich gerade noch verändert hat und nun stillsteht.

Dem gegenüber steht Core, entwickelt vom internen Team. Hier wird das Material dichter, schwerer, funktionaler. Hocker, Tische, Sitzobjekte, die sich klarer definieren lassen, ohne ihre Herkunft zu verbergen. Das Papier bleibt erkennbar, auch wenn es mit Wachs behandelt, gebunden oder verdichtet wird. Es wird nicht kaschiert, sondern bewusst sichtbar gehalten. Die Objekte wirken ruhiger, stabiler, näher an der Idee von Gebrauch, ohne dabei ihre experimentelle Herkunft zu verlieren.

Interessant ist, wie sich beide Ansätze im Raum begegnen. Fragilität trifft auf Struktur, Leichtigkeit auf Gewicht, Bewegung auf Fixierung. Nichts dominiert, nichts wird aufgelöst. Stattdessen entsteht ein Gleichgewicht, das sich erst beim Gehen durch den Raum erschließt. Der Blick wandert zwischen den Objekten, sucht Verbindungen, erkennt Unterschiede. Die Installation funktioniert weniger über einzelne Stücke als über das Verhältnis dazwischen.

Im Kern geht es um Erinnerung im Material. Die Falten, die beim ursprünglichen Prozess entstanden sind, bleiben erhalten. Das Papier trägt Spuren von Druck, von Zeit, von Wiederholung. Es „weiß“, woher es kommt, ohne es ausstellen zu müssen. Gleichzeitig verändert es sich, bekommt eine neue Funktion, eine andere Präsenz. Vergangenheit und Gegenwart existieren parallel, ohne sich gegenseitig zu überlagern oder zu verdrängen.

Gerade darin unterscheidet sich das Projekt von klassischen Nachhaltigkeitsansätzen. Es geht nicht darum, Material effizient wiederzuverwenden, sondern es neu zu lesen. Seine Eigenschaften nicht zu neutralisieren, sondern weiterzuführen. Der Wert entsteht nicht durch Transformation allein, sondern durch Kontinuität. Ein Material bleibt erkennbar, auch wenn es seine Form verändert. Es verliert nichts, sondern gewinnt eine zusätzliche Ebene.

Was dabei auffällt, ist die Ruhe des Projekts. In einem Kontext, der oft von schnellen Bildern und klaren Botschaften lebt, nimmt sich diese Installation Zeit. Nichts wird erklärt, nichts wird überhöht. Die Objekte stehen im Raum, und ihre Wirkung entfaltet sich langsam. Man bleibt stehen, schaut genauer hin, geht weiter, kommt zurück. Es ist kein unmittelbarer Effekt, sondern eine Entwicklung.

Diese Zurückhaltung ist kein Mangel, sondern eine bewusste Entscheidung. Sie lässt Raum für Interpretation, für eigene Wahrnehmung. Statt eine Aussage vorzugeben, öffnet die Installation Möglichkeiten. Sie funktioniert nicht über ein zentrales Bild, sondern über viele kleine Beobachtungen, die sich erst nach und nach verbinden.

Vielleicht ist genau das der Grund, warum „The Paper Log: Shell and Core“ funktioniert. Es zeigt nicht, was Design ist, sondern wie es entstehen kann. Durch Beobachtung, durch Versuch, durch Wiederholung. Durch das Arbeiten mit einem Material, das bereits eine Geschichte in sich trägt, und die Bereitschaft, diese Geschichte weiterzuschreiben, statt sie zu überschreiben.

Am Ende bleibt weniger ein Objekt als ein Gedanke. Dass Materialien mehr können, als man ihnen zutraut. Dass Prozesse sichtbarer werden dürfen. Und dass das, was normalerweise im Hintergrund bleibt, manchmal genau der Punkt ist, an dem etwas Neues beginnt. Weitere Informationen unter ISSEY MIYAKE

Fotos © MDS-ISSEY MIYAKE © ISSEY MIYAKE INC., Ensamble Studio, Installation images: Melania Dalle Grave e Michela Pedranti, DSL Studio

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