Mitten im dichten Rhythmus der Milan Design Week gibt es diese seltenen Momente, in denen sich der Blick hebt – weg von Interieurs, weg von Showrooms, hinaus in die Stadt. Genau dort setzt Lee Broom mit „Beacon“ an. Keine klassische Präsentation, kein abgeschlossener Raum, sondern ein Eingriff in den urbanen Fluss selbst. Auf der Piazza San Babila, einem der neuralgischen Punkte Mailands zwischen Geschäftsviertel und Dom, erhebt sich eine Installation, die weniger Objekt als Situation ist. Etwas, das nicht betrachtet werden will, sondern passiert.
„Beacon“ wirkt im ersten Moment fast irritierend in seiner Klarheit. Eine kreisförmige Struktur aus leuchtenden Glaslaternen, aufragend wie eine Art fragmentierter Kronleuchter im Außenraum, zugleich präzise und beinahe schwerelos. Die einzelnen Elemente – vertikale Glasstäbe, industriell anmutend und doch handwerklich geprägt – ordnen sich zu einer Form, die sich zwischen Skulptur, Architektur und Lichtinstallation bewegt, ohne sich festzulegen. Genau diese Unschärfe ist entscheidend. Sie entzieht sich der schnellen Einordnung und öffnet damit Raum für eine andere Art von Wahrnehmung.
Dass Mailand die erste Station nach dem viel beachteten Debüt am Londoner Southbank ist, wirkt fast logisch. Beide Orte teilen eine gewisse architektonische Strenge, einen Rhythmus aus Linien, Flächen und Bewegungen. „Beacon“ reagiert darauf, nimmt diese Struktur auf und übersetzt sie in Licht. Die vertikale Wiederholung der Glaselemente erinnert an moderne Fassaden, an Raster, an eine gewisse Form von urbaner Ordnung. Gleichzeitig bricht die kreisförmige Komposition diese Strenge wieder auf, schafft einen Moment der Irritation, der den Blick neu ausrichtet.


Besonders eindrücklich ist die Art, wie die Installation mit Zeit arbeitet. Licht ist hier nicht statisch, sondern choreografiert. In regelmäßigen Intervallen beginnen die Glaselemente zu pulsieren, zunächst kaum wahrnehmbar, dann zunehmend intensiver, bis sich die Bewegung zu einem klaren Höhepunkt verdichtet. Es ist ein Rhythmus, der sich mit dem der Stadt überlagert – Passanten bleiben stehen, schauen nach oben, zögern einen Moment länger. Für einen kurzen Augenblick entsteht so etwas wie ein kollektiver Moment, eine gemeinsame Wahrnehmung im öffentlichen Raum.
Produziert wurde „Beacon“ von Brokis, einem Unternehmen, das seit Jahren für die Verbindung von traditioneller Glasbläserkunst und zeitgenössischem Design steht. Diese Herkunft ist spürbar, auch wenn die Installation bewusst nicht nostalgisch wirkt. Das Glas besitzt eine Tiefe, eine leichte Unregelmäßigkeit, die dem Licht eine besondere Qualität verleiht. Es streut, bricht, reflektiert – nie ganz gleich, immer in Bewegung.
Interessant ist dabei auch die Materialstrategie hinter dem Projekt. Ein Großteil der verwendeten Glaselemente besteht aus recyceltem Material, das mithilfe spezieller Fusing-Technologien neu verarbeitet wurde. Was normalerweise als Abfall im Produktionsprozess entsteht, wird hier zum zentralen Gestaltungselement. Nachhaltigkeit erscheint nicht als Zusatz, sondern als integraler Bestandteil der Form. Eine Entscheidung, die sich nicht in der Kommunikation erschöpft, sondern tatsächlich sichtbar wird.

Gleichzeitig ist „Beacon“ von Anfang an auf Veränderung angelegt. Die Installation ist nicht als statisches Werk gedacht, sondern als Teil eines fortlaufenden Prozesses. Nach Mailand wird sie weiterreisen, neue Kontexte, neue Städte, neue architektonische Situationen aufnehmen. Am Ende dieser Reise steht keine Auflösung, sondern eine Transformation: Die einzelnen Elemente werden zerlegt und in kleinere Objekte überführt, in Tischleuchten, die das ursprüngliche Konzept in einen anderen Maßstab übersetzen. Eine Idee, die den Lebenszyklus von Design neu denkt – weg vom einmaligen Ereignis, hin zu einer kontinuierlichen Entwicklung.
Was dabei besonders überzeugt, ist die Selbstverständlichkeit, mit der „Beacon“ zwischen Disziplinen navigiert. Es geht nicht darum, Grenzen zu definieren, sondern sie bewusst offen zu lassen. Architektur wird zu Licht, Licht zu Skulptur, Skulptur zu öffentlichem Raum. Diese Verschiebungen geschehen leise, ohne Pathos, fast beiläufig – und genau darin liegt ihre Stärke.
Im Kontext der Design Week, die oft von Überinszenierung und visueller Dichte geprägt ist, wirkt dieser Ansatz fast überraschend reduziert. „Beacon“ braucht keine Erklärung, keine Vermittlung, kein Narrativ, das sich in den Vordergrund drängt. Die Arbeit funktioniert über Präsenz, über Maßstab, über die direkte Erfahrung im Raum. Wer daran vorbeigeht, wird unweigerlich Teil davon – ob bewusst oder nicht.
Vielleicht ist genau das der entscheidende Punkt. „Beacon“ ist weniger ein Objekt, das betrachtet wird, sondern ein Moment, der entsteht. Ein kurzer Eingriff in den Alltag, ein Lichtsignal im urbanen Gefüge, das für einen Augenblick alles verlangsamt. Und gerade in einer Stadt wie Mailand, die während dieser Woche kaum stillsteht, wirkt dieser Moment fast ungewöhnlich klar. Weitere Informationen unter LEE BROOM
Fotos © Vladimír Behoun, BROKIS Studio

